Superlative… #Tag 46 und 47

Wamm! Was für einen Wandel wir durchgemacht haben… Auf einen Schlag sind wir in den deutschsprachigen Raum eingedrungen und es fühlt sich noch nicht ganz echt an. Die eine oder andere Spur haben die fremden Sprachen hinterlassen, was jetzt umso deutlicher wird.

Dienstag: Heute ist ein Tag Pause geplant. Da wir jedoch nicht in einem richtigen Bett liegen und auch Bratislava nicht in Sicht ist, fühlt sich dieser Tag zunächst wie jede andere Etappe an. Vincent ist scheinbar so ausgeruht, dass er kaum Schlaf nötig hat. Um fünf Uhr ist er auf den Beinen und füllt den Tag mit Leben, während sich Leon im Halbschlaf fragt, ob seine Uhr richtig geht.

Den schönen Sonnenaufgang fängt Vincent ein…

Gegen sieben sind wir dann beide aufgestanden und packen alles zusammen. Etwas flotter, um die Zeit in Bratislava gut nutzen zu können. So geht es die verbleibenden 25 Kilometer bis zur Stadt hin.

Inmitten eines Mohnfeldes steht unser Zelt. Über Nacht hat die Spannung etwas nachgelassen, denn der Steinharte Boden hat verhindert, dass wir die Seile spannen konnten.

Locker fährt es sich dahin, mit dem Wissen einer kurzen Strecke im Hinterkopf, sodass der Gegenwind heute nicht die übliche bremsende Wirkung hat. Etwas mehr als eine Stunde später erreichen wir den Stadtrand, wo wir uns nach einem Hostel erkundigen. Schnell ist dieses auch gefunden, sodass wir unsere Sachen abladen und unter die Dusche steigen können. Frisch gemacht erkundet sich eine Stadt wesentlich besser, als in den verschwitzten Radlerklamotten. Als wir uns auf den Weg begeben, ist die Mittagszeit herangekommen und wir machen direkt bei einer Imbissbude halt. An die steigenden Preise müssen wir uns langsam wieder gewöhnen. Was im Balkan teilweise weniger als die hälfte des gewohnten Preises gekostet hat, ist hier geradezu unverschämt hoch, allerdings befinden wir uns auch in einer Stadt…

Nein, kein Handy… kaum haben wir uns hingesetzt, nutzt Leon die Wartezeit bis zum Essen und vertieft sich in sein Buch.

Der erste Eindruck der vergleichsweise kleinen Hauptstadt ist kein besonders guter. Nach Budapest ist das aber auch kein Wunder. Wir sind ohne Wissen über die Stadt und auch ohne große Erwartungen hergekommen und laufen Dank eines Stadtplans nicht ganz orientierungslos umher. 
Die ersten schöneren Ausblicke. Die schönen Seiten der Stadt bekommen wir auch zu Gesicht.

Für einen Überblick über die Stadt, laufen wir den Hügel hinauf zu dem Stadtschloss, welches in den 50er Jahren wieder neu aufgebaut wurde, nachdem es im Krieg großenteils zerstört wurde. Von hier blicken wir auf die Donau und die Stadt, welche sich auf beiden Seiten des Flusses erstreckt. Eine klare Linie ist dabei zu erkennen, denn auf der anderen (neueren?) Seite der Donau stehen ausschließlich große Plattenbauhochhäuser.
Der Schlossgarten strahlt in der Sonne so hell, dass man es dort nicht lange aushält..

Den Hügel hinab finden wir die allererste Bäckerei, die wir seit unserer Ankunft in der Stadt vergeblich gesucht haben. Der Laden ist klein und gemütlich, mit hausgemachten Leckereien abseits der Backwaren. Auf der Bank davor lassen wir uns nieder und gönnen uns eine Pause vom laufen (es ist ziemlich warm geworden).

Vor dem Parlamentsgebäude machen wir unseren nächsten Stop, erfrischen uns an dem dortigen Brunnen und mal wieder fällt ein Prunkbau aus der Reihe der eher schlichten anderen Häuser drumherum.

In unserem Gepäck befinden sich noch immer die griechischen Papierfahnen, die wir in der Botschaft in Budapest bekommen haben. Um sie an den Rädern befestigen zu können, müssen sie zuerst noch wetterfest gemacht werden, weshalb wir un einen Copyshop spazieren, wo die Fahnen laminiert werden.

Zuletzt kaufen wir noch für ein Abendessen ein und laufen zum Hostel zurück, wo wir endlich unser Zimmer beziehen – ein Sechs-Bett-Dorm, in dem noch ein anderer Reisender untergekommen ist. Die Fahnen befestigen wir an den Rädern, (jeder von uns hat seine eigene Methode) bevor wir uns der Küche zuwenden. Heute gibt es eine neue Auflage von Couscous, mit einer leckeren Gemüse-Erdnusspfanne.

Vincent stellt sich an den Herd, während Leon das Gemüse schnippelt.

Zwei Engländer gesellen sich zu uns, die ebenfalls die Küche nutzen. Wir kommen ins Gespräch über unsere Reisen und Essen zusammen. Die beiden verzieht es später dann in die Bar, während wir noch Abspülen und dann in Richtung der Betten verschwinden. Unser Zimmer liegt direkt unter dem Dach, sodass es sich durch die Sonne stark aufgeheizt hat. Im Bett zu liegen ist einigermaßen unerträglich, doch es kühlt langsam ab. Die Zeit wird sinnvoll zum Lesen genutzt und irgendwann schlafen wir ein…

Mittwoch: Unsere erste Nacht in einem Hostel seit Belgrad war sehr angenehm. Dank eines kleinen Gewitters am Abend kühlte sich das Zimmer im obersten Stockwerk von einer fast unerträglich warmen Temperatur glücklicherweise herunter. So können wir seit langem auch mal ein kleines bisschen länger als bis halb sieben morgens schlafen, was gut tut. Wir haben alles wieder schnell zusammen gepackt und beschließen unser Frühstück, für das wir am Vortag bereits alles besorgt haben, noch im Hinterhof des Hostels einzunehmen.

Unser klassisches Müslifrühstück zur Abwechslung mal mit richtigem Geschirr essen 😀

Als wir uns gerade zum gehen wenden, kommt uns noch einer der beiden Briten entgegen, die wir gestern Abend kennen gelernt haben. Wir verabschieden uns noch und wünschen gute Weiterreise, er uns ebenfalls, hält unsere Reise aber weiterhin anscheinend für etwas verrückt.

Kaum haben wir die Stadt verlassen und haben die Donau überquert, kommt auch schon die Grenze zu Österreich. Beziehungsweise können wir außer ein paar alten verlassenen Grenzhäusern wenig Anzeichen erkennen und suchen sogar vergebens nach einem Willkommensschild für Östterreich. Auf unserer Suche danach stoßen wir auf zwei andere Radfahrer, die heute ebenfalls auf dem Weg von Bratislava nach Wien sind. Sie stellen sich uns als Thomas und Antje vor und wir unterhalten uns eine Weile nett mit ihnen. Thomas und Antje kommen aus München und sind gerade auf einwöchiger Radtour in Österreich und der Slowakei. Es ist ungewohnt sich mit anderen Radreisenden auf deutsch zu unterhalten, es sind auch erst die anderen Radreisenden aus Deutschland, die wir bis dahin auf unserer Tour getroffen haben. Andererseits tut es aber auch gut und erleichtert so manche Beschreibung doch ungemein.

Daumen hoch zusammen mit Thomas und Antje direkt zwischen der Slowakei und Österreich.
Mangels eines richtigen Willkommensschildes feiern wir unser 12. Land vor einem unglaublich attraktivem Straßenschild, immerhin steht Österreich drauf.

Nach diesem triumphalen Grenzübergang fahren wir unbeschwert weiter Richtung Wien, wo wir heute Abend ankommen wollen. So wie es der Zufall will, haben wir heute morgen noch eine kurzfristige Zusage über warmshowers für drei Nächte bekommen, was uns sehr freut. Noch dazu hat uns unser host verraten, dass unser Reich ein alter Wohnwagen im Garten sein wird. Das hört sich nach einem super coolen Übernachtungsort in Wien an und so sind wir bester Laune und dankbar wieder einmal so ein Glück zu haben.

In den ersten Orten, die wir durchfahren, bemerken wir die vielen deutschen Schriftzüge. Noch ganz ungewohnt für uns nach sieben Wochen im nicht deutschsprachigem Ausland, ein weiterer großer Tritt näher Richtung Heimat. Zum einen eine tolle Umstellung, da wir nun wieder (so ziemlich) alles verstehen können. Zum anderen müssen wir uns aber auch wieder drauf einstellen von viel mehr Leuten um uns herum verstanden zu werden, wodurch man sich in manchen Situationen mit seinen Bemerkungen nun wieder etwas mehr zurückhalten muss.

Einige Kilometer hinter der Grenze stoßen wir wieder auf die Donau.

Wir wechseln das Donauufer nach wenigen Kilometern auf der südlichen Uferseite. Nun fahren wir einen ewig langen Deich entlang, der aber nicht wie in der Slowakei eintönig und langweilig zu fahren ist. Ganz im Gegenteil, dieser Streckenabschnitt gehört mit zu dem Nationalpark Donauauen und hat diesen Namen auch wirklich verdient. Eine fast unberührte Naturlandschaft säumt die Umgebung des Radweges und wir gleiten nur so dahin auf dem Damm.

Leon begeistert im Nationalpark Donauauen.

Uns begegnen immer wieder andere Leute, die mit dem Rad unterwegs sind. Die meisten von ihnen sind aber nur wenige Tage an der Donau entlang mit dem Rad unterwegs, weswegen wir uns ein Minimum von vier Radtaschen setzen, wo wir versuchen anzuhalten und ein kleines Pläuschen zu halten. Und tatsächlich, nachdem wir erst einen recht ungesprächigen älteren Herrn angehalten haben, der von St. Moritz nach Budapest fährt, treffen wir auf einen deutlich jüngeren Radreisenden der uns entgegen kommt. Wir unterhalten uns lange und erzählen einander begeistert diverse Geschichten. Wir erfahren, das der 23-jährige Leon aus Hannover vor einem Monat mit dem Rad von sich zu Hause alleine gestartet ist und nun auf dem Weg gen Osten ist. Sein Ziel? Sein Traum wäre es bis nach China zu kommen, ob er das schafft, weiß er noch nicht. Mal wieder stellen wir auf unserer Reise fest, dass wir mit unserem festen Zeitrahmen schon sehr ungewöhnliche Radreisende sind, da doch die allermeisten von zu Hause aus losfahren und sich eine Auszeit nehmen. Dabei ist meistens nicht alles bis zum Ende hin genau geplant, wie es bei uns jedoch teils gezwungenermaßen teils aber auch durch Lust und Laune ist. Als wir uns unsere Räder genauer mustern, stellen wir fest, dass wir fast die gleichen Räder von der fahrradmanufaktur haben, sogar beide mit Rohloff-Nabenschaltung! Definitiv die erste Rohloff-Nabe, die wir seit Athen zu Gesicht bekommen (außer unseren eigenen natürlich fast jeden Tag).

2x Leon und Vincent, dafür gibts ein eindeutiges Daumen hoch!

Wir verstehen uns schon nach wenigen Minuten so gut mit Leon, dass wir ihn am Liebsten ein paar Etappen begleiten würden. Doch sein Weg führt leider in die komplett andere Richtung, er fährt dahin von wo wir herkommen und umgekehrt ebenso. Also verabschieden wir uns und sind uns jetzt schon sicher, dass wir uns irgendwann mal wiedertreffen werden. Denn wie es der 73-jährige Amerikaner aus Slowenien so passend beschrieben hat: „It’s a very small peak we’re living on!“.
Kurz darauf fängt es heftig an zu regnen, Fahrradwäsche umsonst. Doch zum Glück ist es nur ein kurzer Schauer und so können wir schon bald wieder die Regenjacken ausziehen.

Mittagspause in einem urtypisch österreichischen Ausflugslokal, die Küche bietet so gut wie kein Gericht ohne Fleisch.

Nach einer kleinen Rast in einem überteuerten Radlertreff direkt an der Strecke, wo wir immer noch ein wenig verwirrt deutsches Radio hören, machen wir uns auf die letzten 30 km nach Wien auf. Der Weg führt uns weiter auf einem Damm entlang, bevor wir dann durch ein gigantisches Öllager fahren. Spätestens jetzt wissen wir, Wien ist nicht mehr weit. Es geht weiter an einem Kanal, der sicher auch als Regattastrecke verwendet wird. Diesen fahren wir bis fast bis in Zentrum von Wien, unser Track endet schließlich auf der Reichsbrücke.

Eine Brücke vor der Reichsbrücke, fahren wir über die Donau auf die Donauinsel.

Hier machen wir einen kurzen Halt um uns zu orientieren, wo unser warmshowers-hosts Heini & Anna wohnen. Er hatte uns schon zuvor gewarnt, dass er ein Stückchen außerhalb wohnt, doch da wir hier drei Nächte verbringen wollen, freuen wir uns umso mehr darauf außerhalb des geschäftigen Zentrums etwas entspannen zu können. Um zu Heini & Anna zu kommen, müssen wir aber vorerst das gesamte Zentrums südlich der Donau durchqueren, da wir aber noch früh dran sind ist es super so schon einen ersten Eindruck von der Stadt zu bekommen. Vincent war vor vielen Jahren schon mal in Wien, kann sich daran aber kaum mehr erinnern und für Leon ist es das erste Mal diese Stadt zu Gesicht zu bekommen.

Der Ringradweg (sehr empfehlenswert, top ausgebaut!) führt direkt an der Staatsoper von Wien vorbei.

Obwohl wir versuchen uns nicht schon zu sehr dem Sightseeing hinzugeben, da wir dafür noch zwei volle Tage haben, klappt es auf dem Weg durch die Innenstadt nur schwer. Wir sind völlig überwältig von diesen unglaublich vielen Prunkbauten, die sich nicht nur, wie aus anderen Städten bekannt im Zentrum befinden, sondern auch bis weit außerhalb. Die ganze Stadt scheint eine wahrhaftige Superlative von dem, was wir bis jetzt kennen. Als wir bei einem Fotogeschäft vorbei fahren, packt Vincent wieder der Eifer und er probiert sein Glück um für eine Actioncam zu verhandeln. Leider verkauft das Geschäft keine Actioncams, jedoch verrät der nette Verkäufer Vincent des einzige Einzelfachgeschäft, welches Actioncams verkauft. Der Zufall will es so, dass unser Weg zu Heini uns direkt bei dem besagten Fotoladen vorbei führt.

Hier gibt es alles was das Fotografenherz begehrt, neue sowie gut gepflegte gebrauchte Kameras.

Und siehe da, bei Foto Sobotka in der Mariahilfer Straße werden wir tatsächlich fündig. Und noch mehr als das, denn Vincent schafft es den Ladeninhaber von unserem Projekt zu begeistern und so bekommen wir eine gebrauchte Actioncam zu einem guten Preis. Doch diesmal kauft Leon sich die Kamera, so dass er der Kameramann Nummer 1 für die letzten zwei Wochen unserer Reise sein wird. Ja ihr habt ganz richtig gelesen, schon in zwei Wochen sind wir in Kassel, so ganz können wir es auch noch nicht begreifen. Jedenfalls ist Wien ein riesiger Schritt unserer Reiese. Wir haben uns schon so lange auf der Reise vorgestellt hier zu sein und nun haben wir es tatsächlich hierher geschafft, ein glückerfülltes Gefühl. Beschwingt von dem erfolgreichen Kamerakauf, der tollen Stadt und er Aussicht hier ein wenig länger bleiben zu können als in den meisten Städten zuvor machen wir uns auf die letzten Kilometer.

Das schöne Haus von Heini und Anna, welches sich gerade in Renovierung befindet. Außen hat es schon eine neue Haut bekommen, nun ist Renovierung drinnen angesagt.

Heini empfängt uns freudig im Garten seines Hauses in österreichischem hochdeutsch (welches sich für uns wie tiefstes österreichisch aus den Bergen anhört)  mit den Worten „noch eine Runde hintenrum zum Wohnwagen“. Da wissen wir, dass wir hier richtig sind und der Wohnwagen erwartet uns schon fast sehnsüchtig. Heini erzählt uns, er würde dort schon für 33 Jahren stehen, jedoch hätte er in den letzten Jahren immer leer gestanden. Was für eine Ehre für uns dieses gut gepflegte Prachtstück wieder zu beleben. Nach einer warmen Dusche lernen wir noch Andreas kennen, der aus Frankfurt kommt und hier ebenfalls gerade Gast bei Heini und seiner Freundin Anna ist. Wir haben einen sehr unterhaltsamen netten Abend miteinander, Heini backt beste Gourmet-Pizza und wir bemühen uns um einen Nachtisch, Milchreis mit selbstgemachten Apfelmus. Anna ist diesen Abend unterwegs, deshalb ist sie leider noch nicht Teil der Runde, wir lernen sie kurz vorm ins Bett gehen dann noch kennen. Müde und absolut überglücklich durch so viel Glück so super coole warmshowers Gastgeber gefunden zu haben, fallen wir in die gemütlichen Betten des Wohnwagens und schlafen wenig später tief und fest.

Unser Reich für die nächsten zwei Tage, ein alter super gemütlicher Wohnwagen.

Aufgrund der hohen Ereignisdichte der letzten Tage haben wir es noch nicht geschafft die beiden Pausentage in Wien miteinzubinden, die folgen dann morgen. Keep connected 😉

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Von Ruinen und kaputten Ketten #Tag 44 und 45

Man kann planen so viel man will, am Ende kommt es doch ganz anders… da wir unverschämte Glückspilze sind, können uns ungeplante Hindernisse jedoch nichts anhaben. Doch hier erstmal alles von Anfang an…


Sonntag
: Der Regen vom Abend hat nicht angehalten, doch seine Spuren hat er trotzdem auf dem Zelt hinterlassen: Es ist nass (zur Abwechslung). Gestern haben wir schon Obst und Joghurt für einen morgendlichen Fruchtcocktail gekauft (zwar hat der Laden auch heute auf, doch an einem Sonntag in einem neuen Land kann man nie wissen..). Während wir frühstücken, lassen wir das Zelt trocknen. Vincent scheint heute mit dem falschen Fuß aufgestanden zu sein, denn er ist ein Meister im Dinge umschmeißen. Zuerst reißt die fast volle Müslitüte von oben bis unten auf, woraufhin sich Trockenobst und Haferflocken auf die Wiese und in die weit geöffnete Fahrradtasche ergießen. Zu allem Überfluss lehnt er sich dann gegen sein unsicher stehendes Fahrrad, sodass das Vorderrad umschwenkt und einen großen Teil des frisch aufgebrühten Tees verschüttet. Zum Glück geht der Morgen dann auch vorbei und ehe wir’s uns versehen sitzen wir auf den Rädern und strampeln gegen den Wind an.

Die Schlafsäcke zum Auslüften über die Räder ausgebreitet packen wor das Frühstück aus.

Nach kurzer Zeit fahren wir erneut auf den Deich hinauf, welcher erst asphaltiert ist, doch bald in Schotter über geht. Mühsam und gegen den anhaltenden Gegenwind radelnd ist dieses Stück sehr kräftezehrend. Immer wieder wird der Kies tiefer, was ein gemütliches Fahren bei einer konstanten Geschwindigkeit unmöglich macht.

Noch ist alles perfekt! Keine Autos oder Mofas erlaubt auf dem Deich, der bestens asphaltiert ist.

Ein Aussichtsturm gefördert durch die EU.. schlappe 800.000 Euro hat das gute Stück gekostet. Für eine nicht außergewöhnliche Aussicht etwas zu viel, wie wir finden. Da haben wir an anderer Stelle schon deutlich sinnvollere Investitionen gesehen.

Pure Begeisterung auf Leons Gesicht…

Obwohl wir langsamer voran kommen als sonst, erreichen wir gegen Mittag den Ort Komárno. Auf der Suche nach einer sonnigen Bank für eine Pause, kommen wir an eine kunstvoll verzierte Kirche, aus der unter großem hallo eine Menge Kommunionskinder und deren Familien strömen. Unter einigem Trubel setzen wir uns direkt daneben hin und beobachten, wie viele Fotos gemacht werden und sich die Menge nach und nach zerstreut. 

Nach einem Blick in die Kirche verlagern wir unseren Standort. Von jetzt auf gleich sind die Straßen wie ausgestorben und wir gönnen uns jeder ein großes Eis und das Wifi der Eisdiele, sodass alle Bilder im Blog hochladen und in die weite Welt gesendet werden (es ist sehr erstaunlich, in wie vielen Ländern unser Blog schon angeklickt wurde! To translate on your mobile, scroll down the whole page and select your language – you will get the best result in english 😉 )

Für unsere Verhältnisse sehr spät, begeben wir uns erneut aufs Rad, um noch ein paar Kilometer zu fahren und einen geeigneten Schlafplatz zu finden. Das Zelt in dieser Gegend aufzuschlagen wird nicht einfach werden, denn mal wieder ist jeder Qudratzentimeter bewirtschaftet und nirgends lässt sich ein brach liegendes Feld entdecken. Nachdem wir gegen sieben Uhr noch immer keinen Spot haben ausfindig machen können, sind wir kurz davor an einer Haustür zu klingeln. Kurz halten wir an der Straße gegenüber einer Einfahrt an, um uns zu beraten. Ein Auto, deren Fahrerin offenbar keinen Rückspiegel kennt, fährt rückwärts aus der Einfahrt und setzt so weit zurück, dass Vincent beinahe umgestoßen wird. Das war knapp! Scheinbar ohne etwas bemerkt zu haben, braust das Auto davon. Uns fehlen beiden für einen Augenblick erstmal die Worte…

Ein paar Meter weiter (an dem Haus haben wir nicht mehr geklingelt), fällt uns ein leer stehendes Haus auf, was anscheinend nie fertig gestellt worden ist. Wir sagen herzlichst danke und ziehen für diese Nacht dort ein! Während die Spaghetti vor sich hin kochen, schauen wir in einen sehr schönen Sonnenuntergang hinein.

Der perfekte Schlafplatz! Bauruinen sind wirklich praktisch und abenteuerlich… an sich wünscht man sich dann aber doch weniger davon…
Der traumhafte Blick aus unserem Fenster.

Uns beiden ist noch nicht nach schlafen zumute, weshalb wir nach langer Zeit beide unser Buch aufschlagen. Was für ein Genuss! Irgendwann fallen dann aber doch die Augen zu…

Montag: Vincent macht die Augen auf und kann sich für kurze Zeit nicht mehr an alles erinnern. Wo bin ich? Was mache ich in dieser leer stehenden Bauruine? Doch schnell fällt es ihm wieder ein, wie sie gestern Abend in dieses sehr großzügige, nie fertig gebaute Haus vorübergehend eingezogen sind. Als Vincent von der Naturtoilette zurück kehrt, räkelt sich Leon gerade gähnend und würde am liebsten noch eine Weile liegen bleiben. Doch der täglich gewohnte Rythmus lässt ihn schon bald aus seinem warmen Schlafsack kriechen. Da wir das Zelt nicht abbauen müssen, haben wir alles schnell wieder abfahrbereit verstaut und verlassen unsere zweite Bauruine der Tour fast schon ein wenig wehmütig.

Leon manövriert sein Fahrrad aus dem kleinen Nebenzimmer, unserem Schlafzimmer diese Nacht.
Actionreiche Abfahrt vor der verlassenen Villa.

Bereits gestern Abend haben wir auf unseren Navis leider feststellen müssen, dass der nächst größere Ort wo wir einen Supermarkt vermuten gut 20 km entfernt liegt. So stellen wir uns auf eine Stunde Fahrt ein, die wir mit Energieriegeln zu überstehen hoffen. Doch es kommt glücklicherweise ganz anders als gedacht, denn in dem Ort wo unsere Ruine steht gibt es tatsächlich einen kleinen Supermarkt, eher eingerichtet wie ein Tante Emma Laden. Aber immerhin! Mangels Auswahl gibt es heute Brotzeit zum Frühstück, eine willkommene Abwechslung. 

Neben dem Supermarkt steht sogar eine Bank mit Tisch, was für ein Luxus!

Nach dieser ersten Stärkung starten wir gut gelaunt in den Tag, es hat schließlich mal wieder bestes Wetter. Der Track führt uns schnell wieder auf den Deich, von wo wir aber noch nicht die Donau erblicken können. Nach der kräftezehrenden Tortour auf dem Kiesweg gestern probiert Leon heute mal den Weg unterhalb des Deiches aus, während Vincent zum Vergleich oben bleibt. Doch heute scheinen beide Wege deutlich weniger schlimm, vielleicht haben wir auch einfach mehr Energie am Morgen.

Teilweise ist der Mittelstreifen des Fahrradweges dicht bewachsen mit kniehohem Gras.

Wie schon die letzte beiden Tage fahren wir weiterhin entlang der Donau auf dem Europaradweg 6, der vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer führt. Die Franzosen, welche wir vor zwei Tagen getroffen haben, fahren fast den kompletten über 3000 km langen Radweg entlang. Doch das Wort Europaradweg lässt die hohen Erwartungen an einen Premium Fahrradweg doch zu Weilen etwas enttäuscht, hier besteht auf Teilstrecken noch einiges an Nachholbedarf.

Die Ausschilderung des Europaradweges 6 hat streckenweise noch Nachholbedarf.

Die Schotterpiste wird wenig später erst durch Betonplatten und dann durch asphaltierte Straße abgelöst. Wo wir uns zum einen sehr über die Verbesserung des Untergrundes freuen, ist es zum anderen auch ein Nachteil. Denn die Straße auf dem Deich ist deshalb asphaltiert, da die Donau die nächsten 30 km in einem Kanal fließt. Was zu Beginn noch ein wenig interessant klingt, wird spätenstens nach 5 km schnur geradeaus etwas öde. Vincent kommentiert, „Ich freue mich jetzt schon so sehr auf die kleinen Berge hinter Wien“.

Ein gigantischer Kanal von Menschenhand geschaffen, doch einen natürlichen Flusslauf ziehen wir doch deutlich vor zum entlang fahren!

Nach gut anderthalb Stunden Fahrzeit kommen wir an einer gigantischen Schleuse vorbei, die Schiffe 34 Meter je nach Wunsch bergauf oder bergab befördert. Wir lassen uns dieses Spektakel nicht entgehen und schauen faszinierd zu wie zwei Frachtschiffe und ein Kreutfahrtschiff zugleich nach oben gepumpt werden. Wirklich verrückt, was sich der Mensch so alles einfallen lässt.

Noch ist die Schleuse offen und der Wasserpegel ganz unten.
Eine gute Viertelstunde und unendlich viele Liter Wasser später sind die drei Schiffe 34 m höher.

Weiter geht die Strecke auf dem Deich eine noch langweiligere nicht enden wollende geteerte Straße geradeaus, zum Glück bleibt uns heute jeglicher Gegenwind erspart. Wir unterhalten uns über Peter Lustig und diverse andere Kindheitserinnerungen, so geht die Zeit auf langweiligen Passagen erfahrungsgemäß deutlich schneller vorbei. Wir können schon mindestens 15 km vor unserem Mittagsstop unseren angepeilten Ort in der Ferne ausmachen, so können wir ihn kaum verpassen.

Angekommen in Šamorin decken wir uns zuerst beim Supermarkt sowie beim Bäcker mit allem Nötigen ein. Durch Zufall entdeckt Vincent direkt neben der Bäckerei einen geöffneten Buchladen, wo er die Chance nutzt und schnell sein Glück versucht. Und siehe da, die Verkäuferin spricht bestes Englisch und kennt obendrein das Buch. Besser geht es kaum!

Unser 11. Eintrag im Tagebuch von Anne Frank 😀

Nach dieser äußert produktiven Tat setzen wir uns erstmal zur Ruhe und genießen die erworbenen Leckereien auf einer Bank in der strahlenden Sonne. Dort wird es uns schon fast du warm, der Tacho von Vincent zeigt 40°C in der Sonne an. So verlegen wir unseren Platz nach dem Essen auf eine schattige Bank, um entspannt zu verdauen.

Erstmal den Magen voll schlagen in der prallen Sonne.

Leon holt sein Buch heraus, während Vincent auf die glorreiche Idee kommt dem Antrieb des Fahrrads nach über 3000 km mal etwas Liebe zuzuwenden. So wird das Hinterrad ausgebaut, Ritzel abgezogen und die nur so vor Schmutz triefende Kette so gut es geht gesäubert. Mit den beschränkten Utensilien, die man so auf einer Fahrradtour dabei hat dauert das ganze ziemlich lange und vor allem auch weil es das erste Mal ist, das die Kette einen Lappen sieht. Leon hat sich mittlerweile auch seinem Rad zugewandt und versucht auch seinem Antrieb etwas zu schmeicheln.

Wir nutzen eine Bank und die dahinterliegende Wiese für mehrere Stunde als Open-Air Fahrradwerkstatt.
Blitzblank sauber und wieder wie neu.

Da sich die Kette während der letzen sechs Wochen so stark gelängt hat, dass man sie anhand des exzentrischen Tretlagers nicht mehr nachspannen kann, versucht Vincent seine Kette um eine Glied zu kürzen. Doch wie kann es nicht anders sein, nun ist die Kette ein klein wenig zu kurz und sitzt so stramm, dass man das Hinterrad nicht mehr bewegen kann. So ein Mist! Jetzt hilft nur noch eins, eine neue Kette. Genau in diesem Moment kommt zufällig ein Vater mit seiner Tochter auf dem Rad vorbei und fragt, ob wir Hilfe bräuchten. Vincent fragt ihn, wo er einen Fahrradladen finden könnte um eine neue Kette zu kaufen. Der nette Herr erklärt es ihm und besteht darauf, Vincent dorthin zu begleiten. Wenig später kommt Vincent erleichtert mit einer brandneuen Kette zurück. Leon hat in der Zwischenzeit vergebens versucht, seine Kette mit dem bereits etwas verbogenen Kettenschloss wieder als Ganzes zu vereinen, doch sie will nicht so wie er will. Resultat nach 15 Minuten weiterem gefrimel und blank liegenden Nerven, geht Leon ebenfalls zum Radladen, um sich eine neue Kette zu besorgen.

Viele Nerven und Lappen hat es gekostet, doch nun ist der Antrieb wieder bestens in Schuss für die restlichen 1000 Kilometer.

Nach bestimmt 3 Stunden Bikeservice ist das etwas niederschmetternde Ergebnis, dass wir unsere alten Ketten erst gar nicht hätten zu säubern anfangen müssen. Denn irgendwann ist jedes Verschleissteil mal an der Reihe ausgetauscht zu werden. Aber so lernt man eben aus Fehlern…. Eigentlich wollten wir heute noch bis Bratislava kommen, doch da es inzwischen schon sechs Uhr ist und dies noch über 20 km sind (geschweige denn davon, dass wir dort noch keine Unterkunft haben) entscheiden wir uns kurzfristig um und kaufen für ein Abendessen im Freien ein. Wenige Meter hinter dem Ort nehmen wir den erstbesten Feldweg und siehe da, wir finden hier einen super Campingspot!

Heute ist Vincent der Koch.

Heute ist Vincent mal dran mit kochen und währenddessen rammt Leon die Heringe mithilfe von Steinen in den harten ausgetrockneten Boden. Auf dem heutigen Speiseplan steht Couscous mit einer Auberginen-Frühlingszwiebeln-Möhren-Paprika Pfanne. Sehr lecker! Und zum Nachtisch verputzen wir noch eine Rolle extrem süchtig machende Doppelkekse. Geplättet von diesem sonnigen und etwas nervenstrapazierendem Tag sinken wir unter klarem Sternenhimmel begleitet vom Zirpen der Grillen sanft in den Schlaf.

Schon der zweite Abend in Folge mit einem malerischen Sonnenuntergang.

Vom Touri zum Donauradler #Tag 42 und 43

Auf Budapest haben wir uns beide sehr gefreut und hatten hohe Erwartungen an die Stadt. Natürlich haben wir uns auch hier viel zu viel Programm für viel zu wenig Zeit ausgesucht. Das Dilemma von so vielen schönen Städten… es fällt uns nicht leicht, alles mehr oder weniger oberflächlich abzuklappern. In Wien und Prag haben wir mehr Zeit eingeplant.

Freitag: Der Abend gestern war sehr schön, doch sind wir mal wieder sehr müde ins Bett gefallen. Heute morgen sind wir jedoch wieder sehr motiviert und wollen durch die Stadt bummeln. Nachdem wir ein einfaches Frühstück gegessen haben, wollen wir zunächst in ein Elektronik-Geschäft gehen, um uns nach einer neuen Actioncam umzusehen und eine Sponsoranfrage zu machen. Jedoch ist diese wenig erfolgreich, da keiner der Läden, in denen wir fragen die Erlaubnis dafür geben kann. Überall müssen Emails verschickt werden, was bei einem so kurzen Aufenthalt in der Stadt aber zu lange dauert. Also lassen wir das fürs erste links liegen und widmen uns dem Touriprogramm. Da wir uns gestern eine 24-Stunden-Karte für den ÖPNV gekauft haben, müssen wir nicht alle Strecken zu Fuß zurück legen, doch wir laufen trotzdem ziemlich viel.

Die Matthiaskirche mit einem beeindruckenden Dach aus bunten Keramikziegeln.

Auf mehr oder weniger direktem Weg gelangen wir vom Einkaufszentrum zur Matthiaskirche, die auf einem der Hügel gelegen von weitem sichtbar ist. Wir steigen auf den Turm hinauf, von wo wir einen unglaublichen Blick auf die ganze Stadt werfen können. Erstaunlich wenig Leute sind hier oben, da es zum einen Eintritt kostet und zum anderen über 200 Stufen eine enge Wendeltreppe hinauf geht.

Der Vorplatz der Matthiaskirche, verschönert mit einer Mauer und vielen kleinen Türmchen.. die Aussicht ist auch hier schon gigantisch, doch wird dafür ebenfalls zur Kasse gebeten.
Oben auf dem Kirchturm.. die Aufsicht steigt täglich vier Mal hinauf und hinab – auch so kann man sich fit halten.
Der Blick auf das gigantische Parlamentsgebäude…

Die Distanzen sind spürbar weiter als beispielsweise in Zagreb oder selbst Athen, weshalb wir die Route sehr genau wählen müssen. Von der Kirche laufen wir an der Präsidentenresidenz vorbei (momentan laufen große Renovierungsarbeiten) zur Festungsanlage, in der sich jetzt eines der unzähligen Museen befindet, an denen wir leider vorbeigehen müssen. Sooo viel anderes gibt es zu sehen…

Den Hügel hinab laufen wir, dann fahren wir mit der Straßenbahn ein Stück am Fluss entlang zur großen Markthalle. Tatsächlich vergeht kaum ein Augenblick, in dem man nicht mindestens eine Bahn, einen O-Bus, normalen Bus oder sogar die Elektrovariante sieht. Ein wunderbar ausgebautes Netz (hinzu kommt noch die U-Bahn). 

In der Markthalle wird man von einer Fülle an Essbarem erschlagen… Im Erdgeschoss befindet sich der gewöhnliche Markt mit Obst, Gemüse und allem drum und dran. Geht man jedoch eine Etage höher, tummeln sich die Menschenmassen vor diversen Imbissen mit sehr leckerem Essen! Da Marlen und Lena uns gestern den Tipp gegeben haben, dass man hier sehr gute Langos essen kann, probieren wir die natürlich aus. Diesmal nicht nur klassisch mit Rahm und Käse, sondern auch süß mit Nutella und Banane.

Den engen Raum bestens ausgenutzt… Da sich so viele Leute auf die Langos stürzen, sind sogar mehrere Schlangen nötig, um die Massen bewältigen zu können.

Gut gesättigt laufen wir ein Stück weiter am Fluss entlang, an sehr schönen Gebäuden, modernen Galerien und natürlich Cafés. Dann wird uns der Weg doch zu weit und wir fahren mit der Bahn bis zur Synagoge, die wir gestern Abend in beleuchtetem Zustand schon bestaunt haben. Als wir jedoch dort ankommen, stellen wir enttäuscht fest, dass die Synagoge schon geschlossen ist. Immerhin sparen wir jetzt den teuren Eintritt.

In Ermangelung eines Fotos von der Synagoge bei Tag..

Da wir jetzt noch Zeit haben, fahren wir mit der zweitältesten U-Bahnlinie der Welt zum Heldenplatz, wo wir gestern Abend schon gewesen sind. Dahinter befindet sich ein Park mit einem schönen Schloss, was wir uns genauer ansehen wollen.

Die schmuckvollen alten Ubahn-Stationen heben sich deutlich von den neueren ab.

Die Burg gelegen im Park hinter dem Heldenplatz.

Da unser Ticket bald ausläuft, fahren wir in die Nähe von Victors Wohnung (unserem warmshowers-host) und setzen uns in ein Café nahe der Donau. Dort lassen wir die Eindrücke des Tages ersteinmal sacken und widmen uns dem Blog. 

Als es schon dämmert, merken wir wie spät es geworden ist und begeben uns zu unserer Unterkunft. Victor ist nicht da, weshalb wir etwas simples kochen und wieder ziemlich spät schlafen gehen.

Samstag: Bereits um halb sechs Uhr morgens werden wir von Victor geweckt, der sich von uns verabschiedet. Er hat viel vor an dem heutigen Tag und macht sich deshalb schon früh los. Wir versuchen noch etwas zu schlafen, doch so richtig will es nicht mehr gelingen. Um neun Uhr packen wir dann alle unsere Sachen zusammen und hinterlassen es so, wie wir es vorgefunden haben. Mit dem kleinen Unterschied, dass wir Viktor als kleinen Dank die Hälfte einer Olivenölflasche da lassen, die andere Hälfte haben wir uns in eine kleinere Flasche für unterwegs zum kochen umgefüllt.

Die Räder stehen wieder abfahrbereit im Flur, es kann weiter gehen Richtung Nordwesten.

Auf unseren heutigen To-do Liste steht noch ein Eintrag in das Tagebuch von Anne Frank. Da wir aber schon spät dran sind, suchen wir nicht gezielt nach einem Buchladen oder ähnlichem in Budapest und machen uns nach einem späten Müslifrühstück auf den Weg die Donau entlang. Wir hoffen noch darauf, auf der Strecke einen Buchladen in einer kleineren Stadt auffinden zu können.

Frühstück im Schatten, es hat sich schon wieder gut aufgewärmt.

Auf dem Weg aus der Stadt hinaus fahren wir an einigen Plattenbauten vorbei, die uns sehr an die Plattenbauten aus Erfurt erinnern, welche wir vor zwei Monaten auf unserer Probetour gesehen haben. Das DDR-Regime hatte hier offensichtlich auch einen nicht zu unterschätzenden Einfluss.

Plattenbau par excellence.

Unsere Strecke führt uns zu Beginn direkt an der Donau auf einem mal mehr mal weniger gut ausgebauten Radweg entlang. Da heute Samstag und bestes Wetter ist, könnte man fast meinen es sei Critical Mass, so vielen Radfahrern begegnen wir. Leon meint, „das sind mir hier schon fast zu viele Fahrradfahrer“. Ein echtes Luxusproblem, wo wir uns doch in den letzten Wochen zeitweise Gleichgesinnte an unserer Seite sehr gewünscht haben. Eine willkommene Umstellung auf mehr Fahrradverkehr! Jedoch sind die meisten der Radfahrer Leute, die einen Tagesausflug machen, wir sehen kaum andere Radreisende wie uns. Doch das soll sich an diesem Tag noch ändern.

Auf einem schönen Deich direkt an der Donau, hier ein kleiner Seitenarm der Donau oberhalb von Budapest.

Wo es Leon teilweise etwas stressig findet, den vielen anderen Radfahrer um sich herum auszuweichen, genießt Vincent den Trubel und das vorbeischlängeln an fahrenden Rädern. Die Strecke bleibt bis zum Mittag sehr abwechslungsreich und wird keineswegs langweilig. Von Asphalt, über Waldweg bis staubigen Feldweg ist alles dabei.

Auch durch dichten Wald führt uns der Donauradweg.

Obwohl wir erst spät gefrühstückt haben, wollen wir nicht allzu spät Mittag essen, damit nicht der ganze Tag nach hinten verschoben ist. So suchen wir gegen zwei Uhr in einem kleinen Ort einen Supermarkt auf und machen uns über ein großes Brot und diverse Aufstriche her.

Für jeden ca. ein halbes Kilo Brot, genug Kraftstoff für die zweite Tageshälfte.

Nach einem gescheiterten Versuch einen Buchladen in diesem kleinen Ort zu finden, machen wir uns mit der Hoffung in Esztergom noch einen geöffneten zu finden weiter auf den Weg. Wenige Meter nachdem der neu ernannte Kameramann Leon den 3000. Kilometer feierlich filmerisch begleitet hat, treffen wir auf zwei Radreisende. Natürlich halten wir an und tauschen uns über Herkunft und Route aus. Es stellt sich heraus, dass die beiden Franzosen auf ihrer einjährigen Reise nach Malaysia morgen die 3000 km knacken werden und genau wie wir bereits 6 Wochen auf dem Rad sind. Was es für ein Zufall! Wir unterhalten uns noch eine Weile sehr nett miteinander, doch leider müssen wir in die entgegengesetzen Richtung weiter. So verabschieden wir uns und wünschen einander noch eine gute Reise, mit dem kleinen Unterschied, dass die Franzosen noch ein paar Kilometer mehr vor sich haben.

Eine tolle Landschaft kurz vor der Grenze zur Slowakei.

Wenige Kilometer später fährt lustigerweiße schon wieder ein schwer bepackter Franzose telefonierend an uns vorbei. Doch er ist so abgelenkt, dass er uns kaum wahrnimmt und nicht anhält. Schade, wenn man auf einer Reise so beschäftigt ist, dass man selbst während dem Radfahren telefonieren muss, finden wir. Kurze Zeit später kommen wir auch schon nach Esztergom, wo wir schon von weitem die riesige, für diesen Ort sehr bekannte Basilika erblicken.

In einer recht kleinen unscheinbaren Stadt wirkt diese riesige Kirche auf den ersten Blick ein wenig Fehl am Platz.

Hätten wir nicht vorher gewusst, dass dieser überschaubare Ort früher einmal die Hauptstadt Ungarns war, wäre uns das riesige Gotteshaus hier etwas komisch vorgekommen. Diese Kirche hier ist anscheinend sogar die drittgrößte Kirche Europas, wie auch immer man diese Größe gemessen hat. Was fest steht, es ist eine wahrhaftig gigantische Kirche! Da es bereits nach fünf Uhr ist, müssen wir leider feststellen, dass schon alle Buchläden der kleinen Stadt geschlossen haben. So fragt Vincent mehr verzweifelt als geplant einen Passanten, ob er das Buch kennen würde und nicht einen kleinen Eintrag hinein schreiben würde. Doch leider Fehlanzeige. Da wir aber noch heute die Grenze zur Slowakei übequeren wollen, müssen wir auf jeden Fall noch einen Eintrag bekommen, wo wir es doch bis jetzt in jedem Land irgendwie geschafft haben. So haben wir die Idee, in dem Souvenirshop der Basilika nachzufragen. Die beiden älteren netten Damen kennen das Buch leider nicht, wollen uns aber unbedingt weiterhelfen. Als ob sie sehen würden, wie dringend wir noch einen Eintrag brauchen. So ruft eine der beiden jemand anderes aus der Kirche an und reicht Vincent schließlich den Hörer. Und wir haben Glück, an der Leitung ist eine gut englisch sprechende Frau, die obendrei auch noch das Buch kennt! So läuft Vincent quer durch die ganze Kirche zu ihr und findet sie tatsächlich. Sie muss etwas verdutzt sein, als ein Radfahrer in kurzer Kleidung, Sandalen, zersaustem Haar und einem Anne Frank Tagebuch ankommt. Doch schnell ist unser Projekt erklärt und schon haben wir unseren ungarischen Satz im Buch stehen.

Strahlend kommt Vincent mit einem Satz mehr aus der Kirche heraus.

Was für ein Glück wir mal wieder hatten und was für unglaublich nette und hilfsbereite Menschen uns in unserer „Not“ weiter geholfen haben. Es tut wirklich gut, mal wieder so eine herzliche Begegnung zu haben. Nun ist es schon nach sechs Uhr und wir machen uns die letzten Meter den Berg runter zur Brücke, die uns auf die andere Seite der Donau in die Slowakei bringt.

Leider mit Gegenlicht, doch im Hintergrund links oben kann man das Grenzschild erahnen.
Von der Brücke aus haben wir nochmal eine tollen Blick auf die Basilika.

Angekommen in der Slowakei fällt uns ein, dass morgen Sonntag ist und wir uns diesmal besser eindecken sollten. So kaufen wir schon mal fürs Frühstück ein und fahren ein kurzes Stück aus dem Ort heraus. Gegenüber einer Fabrik entdecken wir ein kleinen Feldweg, der mit Bäumen etwas abegeschirmt von der Straße liegt. Ein perfekter Campingplatz für die Nacht. So schlagen wir zurerst das noch etwas nasse Zelt zum trocknen auf und fangen dann an zu kochen. Heute gibt es mal ein richtig besonderes Gourmetdinner, Couscous mit einer Kichererbsen-Zuchini-Erdnuss Soße. Mit bestens gefüllten Mägen legen wir uns wenig später ins Zelt zur Ruhe, als es leicht anfängt zu regnen.

Langos, Baumstriezel und jede Menge Ungarn #Tag 39 bis 41

Nachdem wir nur so kurz in Slowenien waren, haben wir sehr schöne Etappen durch Ungarn gehabt. Manchmal waren wir uns nicht ganz sicher, ob wir wirklich im Ausland unterwegs sind…

Dienstag: Über Nacht sind etliche Ameisen und andere Insekten über unsere Fahrradtaschen geklettert und haben auch irgendwie den Weg zu der Tüte mit dem restlichen Gemüse gefunden… es dauert eine Weile, die komplette Tasche auszuräumen und alles Gekrabbel abzupflücken. Alles zusammengepackt stellen wir freudig fest, dass wir für heute eine Zusage bei warmshowers bekommem haben. Direkt am vorderen Ende des Plattensees (Balaton) – nicht ganz 70 Kilometer für den heutigen Tag. Also treten wir bei allerschönstem Sonnenschein ordentlich in die Pedale. 

Eine sehr schöne hügelige Wiese haben wir uns ausgesucht… es ließ sich aber trotzdem einigermaßen gut schlafen. Abenteuerlich eben.. 😀

Jedoch haben wir ein Problem: kein Frühstück ist in Sicht… Die ersten Orte durch die wir fahren sind entweder zu klein, um einen Supermarkt oder eine Bäckerei zu haben, oder diese sind geschlossen. Wieder merken wir, dass wir den deutschen Verhältnissen sehr nahe sind (und das ist nicht unbedingt vorteilhaft).

Eine wunderschöne Farbenpracht! Felder mit rot blühendem Klee, Raps und verschiedenem Getreide ziehen an uns vorbei.

Zum Glück haben wir in unserer Notreserve diverse Energieriegel dabei, von denen wir uns jeder einen genehmigen. Fast 30 Kilometer und einige kleine Orte später kommen wir in Bak an, in dem es endlich einen ABC-Supermarkt gibt. Auf einer Bank vor einer interessant konstruierten Stadthalle lassen wir uns ein großes Radlermüsli schmecken. Das wurde auch höchste Zeit!

Fast schon sehnen wir uns nach Schatten! Es ist ziemlich warm geworden…
Schick sieht sie aus, die Stadthalle von Bak.

Mit vollem Magen radelt es sich deutlich besser! Das gute Wetter hält an, sodass wir bis zum Mittag gut durchradeln. Die Landschaft besteht weiterhin größtenteils aus Feldern abgewechselt von kleinen Waldstücken. „Das könnte wirklich bei uns zu Hause um die Ecke sein!“, meint Leon.

Gegen Mittag erreichen wir dann unser Tagesziel. Keszthely, der erste größere Ort direkt am Balaton. Sehr herausgeputzt und touristisch ist die Stadt sehr schön anzusehen und natürlich treffen wir hier jede Menge Österreicher. Allerdings haben wir uns ein wenig zu früh gefreut. Wir suchen die Adresse und nachdem wir in einem vollgestopften kleinen Souvenirshop nachgefragt haben stellen wir fest, dass wir noch einen Ort weiter müssen, der allerdings nahtlos mit diesem hier ineinander übergeht.

In Gyenesdiás finden wir schließlich das richtige Haus. Nur wenige hundert Meter vom See entfernt ist das Grundstück deutlich größer, als wir erwartet haben. Miklos und seine Familie wohnen hier und wir entschließen uns dazu, unser Zelt in dem wirklich großen und gut gepflegten Garten aufzuschlagen. Dann hält uns aber fürs erste nichts mehr und wir suchen hungrig etwas zu Essen. Uns wurde ein Imbiss empfohlen, der Langos verkauft, eine ungarische Spezialität. Also bestellen wir uns jeder eine der von Fett triefenden Köstlichkeiten, die aus fritiertem Teig bestehend, belegt mit Rahm und viel Käse wirklich super für eine Fahrradtour sind.

Dann heißt es nur noch: Ab in den See! Herrlich kalt ist der Balaton zu dieser Zeit. Wie wir später erfahren, erreicht er aber im Sommer bis zu 27 Grad Wassertemperatur, da er sehr flach ist… nicht die Abkühlung, die wir jetzt genießen können.

Vor uns liegt ein ganzer Nachmittag, an dem Leon zur Abwechslung mal endlich sein Buch weiter lesen kann. Das ist bisher viel zu kurz gekommen (siehe Halbzeitstatistik). Unterdessen vervollständigt Vincent den neuen Blogeintrag. Die Sonne brutzelt etwas zu stark, was wir später feststellen müssen. Leon legt sich früh mit einem Sonnenstich ins Zelt und kann den Abend nicht mehr genießen. Zuvor kocht er jedoch noch das Abendessen – ganz simpel Nudeln mit Pesto, da keiner von uns noch Lust hatte, einkaufen zu gehen. Draußen wird es jetzt unerträglich, weil ein ganzes Heer von Mücken auftaucht. Vincent hält es auch nicht mehr lange aus. Der halbe Pausentag hat uns fast mehr aus der Bahn geworfen, als dass er Erholung gebracht hat… trotzdem war er sehr schön!

Was für ein herrlicher Garten! Nur die Mücken am Abend geben einen kleinen Abzug..

Mittwoch: Wir wachen im immer wärmer werdenden Zelt auf, Zeit sich aus den Schlafsäcken zu schälen und anzuziehen! Obwohl es noch vor sieben Uhr morgens ist, hat die Sonne schon so eine Kraft, dass man sich den Schlafsack fast sparen kann. Wir merken jeden Tag mehr, wie es Sommer wird. Ein schönes Gefühl!

Während Leon schon den zweiten Tag in Folge jede freie Minute zum lesen nutzt (das Lesefieber hat ihn nach sechs Wochen ohne jegliche Buchstaben endgültig unaufhaltsam gepackt), unterhält sich Vincent noch kurz mit der Miklos Frau, die ihm mit Kaffee und Honig den Morgen versüßt. Dann verabschieden wir uns von der Familie und fahren zum Supermarkt, um Frühstück zu besorgen.

Vor einem bedauerlicherweise leeren Skatingplatz finden wir eine ideale Frühstücksbank.

Da wir gestern eine entspannte Etappe von knapp 70 km hatten, müssen wir heute etwas mehr auf die Tube drücken. Unser Tagesziel ist, soviel wie möglich aber auf jeden Fall über 100 km. Zum Glück ist die heutige Strecke ziemlich flach und wir fahren die meiste Zeit am idyllisch gelegenen Plattensee entlang. Zu unserer Freude gibt es um den gesamten Plattensee eine ausgeschilderte Radstrecke, die zu großen Teilen auch einen eigenen, gut ausgebauten Radweg besitzt.

Ein toller Radweg direkt am See entlang.
Zwar zwei Tage zuvor aufgenommen, doch diese Schilder finden wir hier überall.

Zwischendurch kürzen wir immer mal wieder auf der Straße ab, da der Radweg ein paar Umwege weg vom See macht, um wenige Kilometer später wieder am Ufer entlang zu führen. Zum Fahren bestimmt schöner, allerdings auch länger. Doch auch die Straße hier ist wenig befahren und gut geeignet zum Strecke machen. In so ziemlich jedem Ort, den wir durchqueren, sehen wir deutsche Schilder wie z.B. „Zimmer frei“ oder „Apartment mieten“. Man merkt deutlich die deutschen Einflüsse der vielen Touristen hier in diesem Gebiet. Denn vor allem in Zeiten der DDR gab es viele Menschen, die hier ihren Urlaub verbrachten. Aber auch heute treffen wir noch einige Deutsche sowie Österreicher.

Bestens ausgeschilderter Fahrradweg um den Plattensee herum (ungarisch: Balaton-See).

Nicht nur an dem gut ausgebauten Fahrradweg, sondern auch an den vielen auf den Radtourismus eingestellten Imbissbuden und Cafés am Wegesrand merken wir wie Radfahren hier boomt. Das erfreut uns natürlich sehr, doch wir merken auch an einigen geschlossenen Gaststätten, dass die Hochsaison anscheinend noch nicht gestartet hat.

Fahrrad-Tankstelle vom Feinsten.

Um die Mittagszeit wollen wir uns dann im nächsten Ort nach etwas Essbarem umschauen, doch der dortige Supermarkt scheint pleite gegangen zu sein und am Strand ist bis auf ein paar Fast-Food Buden noch alles geschlossen. Also haben wir keine andere Wahl, als mit knurrendem Magen 10km bis zum nächsten Ort zu fahren und dort auf eine bessere Versorgung zu hoffen. Und tatsächlich, wir werden fündig bei einem Mini-Supermarkt mit Stühlen und Tischen vor der Tür!

Nach gut 70 km finden wir endlich einen kleinen Laden und schlagen erstmal richtig zu.

Nachdem wir uns mit genügend Kalorien für die zweite Tageshälfte befüllt haben, geht es an den Strand zur Toilette. Dort treffen wir auf einen Österreicher, der mit dem Motorrad unterwegs ist und uns erzählt, er sei früher ebenfalls mit dem Rad durch Südosteuropa gefahren. Doch nun würde er das motorisierte Zweirad doch einem Fahrrad vorziehen, da es nun mehr seinem Alter entspräche. Wir müssen kurz wieder an den 73-jährigen Amerikaner denken, den wir vor zwei Tagen in Slowenien getroffen haben.

Ein schon fast zu perfekter Fahrradweg, man sollte vor der Kurve auf jeden Fall auf 10 km/h abbremsen!

Weiter führt uns der Weg am See entlang, bis wir schließlich nach schon fast 100 Tageskilometern das Ende des Plattensee erreichen. Nun heißt es Abschied vom Balaton, doch angesichts eines Abends mit weniger Stechmücken fällt unser diese Verabschiedung nicht allzu schwer. Wir fahren noch eine gute Stunde in den Abend hinein und genießen das warme Licht der tief stehenden Sonne. Diese Nacht wollen wir wieder mal unser Zelt in der Natur aufschlagen, doch das gestaltet sich auf den zweiten Blick als gar nicht so einfach. Denn die Landschaft um uns herum ist bis auf den letzten Quadratmeter hocheffizient bewirtschaftet und wir könne bis zum Horizont kein brachliegendes Feld ausmachen. 

Im Abendlicht fahren wir auf der Suche nach einem geeigneten Zeltplatz auf einer leergefegten Straße und sammeln noch fleißig Kilometer.

So fragen wir schließlich in einem Ort die Nachbarn einer unbebauten Wiese, ob wir dort zelten könnten. Unsere bewährte Notfallmethode. Die Frau gibt uns zu verstehen, dass dies absolut kein Problem sei. So schieben wir unsere Räder auf die etwas hügelige Wiese und während Vincent das Zelt aufschlägt fängt Leon an zu kochen. Heute gibt es Süßkartoffeln mit Auberginen-Paprika-Tomaten Pfanne. Sehr lecker!

Nach über 120 km schmeckt einfach alles, aber das heutige Essen ist sogar besonders lecker!

Kurze Zeit nachdem wir das Zelt aufgeschlagen haben, kommt nochmal unsere heutige Nachbarin an den Zaun und gibt Leon Bescheid, dass diese Wiese bis September frei sei. So lange haben wir dann doch nicht vor zu bleiben, doch Leon dankt trotzdem lächelnd für diese außerordentlich hilfreiche Information.

Umgeben von Häusern etwas abgeschirmt von der Straße wird heute gespeist und geschlafen.

Donnerstag: Offensichtlich hat Vincents Inspektion des Untergrundes am Abend wohl doch nicht volle Dienste geleistet, denn zumindest Leon hatte keine wirklich geruhsame Nacht. Ein lästiger Erdhaufen hat sein Bett für diese Nacht etwas unkomfortabel gemacht. Aber was solls, wir sind auf Fahrradtour, da gehört sowas eben dazu. Wir packen alles zusammen, inklusive des Müllbeutels den Leon diese Nacht schlauerweise außerhalb des Zeltes direkt auf einem Ameisenhaufen platziert hat. Dann verlassen wir die unebene aber schöne Wiese, unsere Nachbarin wird sich bestimmt wundern, dass wir nun doch schon nach einem Tag unser Zeltlager wieder aufgeben. Wir fahren die ersten 10 km bis in den übernächsten Ort, wo wir glücklicherweise direkt an einer geöffneten Bäckerei vorbeifahren. Dort decken wir uns fürs Frühstück ein und finden im nahgelegenen Park eine schöne Bank.

Da wir eine Bank im Schatten ergattert haben, machen wir zur Abwechslung mal wieder Tee zum aufwärmen.

Wo wir vor allem im Balkan aber auch in Kroatien an jeder Ecke in jedem noch so kleinen Ort eine Bäckerei oder einen Lebensmittelladen vorgefunden haben, scheint es im ländlichen Ungarn etwas schwieriger Backwaren oder generell kleine Supermärkte zu finden. Ein weiteres kleines Indiz dafür, dass wir uns Deutschland nicht nur geografisch immer weiter nähern. Auch was das Radwegenetz angeht, ist Ungarn in einigen Teilen mindestens schon auf deutschem Stand. Wir sind auf unser heutigen Etappe nach Budapest des öfteren begeistert von der wirklich toll ausgebauten Fahrradwege-Infrastruktur. Und das, obwohl wir uns nicht mehr in der sehr touristischen Gegend des Plattensees befinden.

Genauso sollte das sein in einem verkehrsberuhigten Wohngebiet, links der asphaltierte Fahrradstreifen und rechts die Schotterpiste für Autos.
Sogar durch einen dicht bewachsenen Wald gibt es einen 1a Fahrradweg.
Ein bestens beschildeter Fahrradübergang quert hier eine Straße. Man bekommt fast den Eindruck, die Fahrradfahrer haben hier Vorrang, wäre da nicht das Stop-Schild…

Am späten Vormittag kommen wir an einem kleineren See vorbei, der gerade nur dazu einlädt uns zu empfangen. So sagen wir zu dieser attraktiven Erfrischung nicht nein und springen ins Wasser. Ein echter Hochgenuss sich bei diesem doch sehr sommerlichen Wetter ein wenig abzukühlen.

Leon stürzt sich übermütig ins kühle Nass.

Wie frisch geduscht fahren wir noch eine gute Stunde weiter, bis wir entkräftet in einem kleineren Ort nicht unweit von unserem Tagesziel Budapest in einem Eiscafé Rast einlegen und uns von Hamburger über Kuchen bis hin zu Eis üppig beglücken. Danach heißt es aber endgültig die letzten 30 km bis nach Budapest in Angriff zu nehmen.

Mittgspause im Eiscafé.

Als wir endlich an die Donau kommen, wissen wir, dass es nicht mehr weit ist. Ein erhebendes Gefühl in Budapest anzukommen, irgendwie war diese Stadt immer ein großes Zwischenziel auf unserer Reise. Von hier aus geht es fast ohne Umwege (okay den kleinen Schlenker über Prag lassen wir außen vor) zurück nach Kassel. Und worauf wir uns mindestens genauso freuen, wir haben bis Wien die Ehre in Begleitung der Donau unterwegs zu sein. Ein toller Fluss, schon in Belgrad haben wir ihn kurz zu Gesicht bekommen.

Auch hier mangelt es nicht an Fahrradwegen, Budapest ist eine sehr fahrradfreundliche Stadt!

Im Zentrum der Stadt angkommen halten wir an einer der vielen Brücken, um uns zu orientieren. Bevor wir zu unserem warmshowers host für die nächsten zwei Tage fahren, wollen wir der griechischen Botschaft noch einen Besuch abstatten mit der Hoffnung, dort eine griechische Flagge zu ergattern. Dieser Einfall ist Vincent in den letzten Tagen gekommen, um sich ein wenig von den immer mehr werdenden Radfahrern abzusetzen. Und auch um denen hier etwas zurückhaltenderen Leuten mehr Anhaltspunkte und Gesprächsstoff zu bieten.

Plötzlich kommt ein anderer Fahrradfahrer von hinten herangefahren und begrüßt uns freundlich, er stellt sich uns als Arpad vor. Wir kommen mit ihm ins Gespräch und es stellt sich heraus, dass er selbst vor einigen Jahren mit seiner Frau eine vierjährige Weltumrundung mit dem Fahrrad gemacht hat. Deswegen scheint er in Ungarn sogar eine kleine Berühmtheit unter Radlern zu sein, da es hier deutlich weniger Menschen gibt, die so eine lange Reise unternehmen. Er begleitet uns auf seinem Nachhause-Weg zur griechischen Botschaft, die zufälligerweiße auf dem Weg liegt.

Die feierliche Übergabe der griechischen Flagge vor der griechischen Botschaft in Budapest.

Nachdem wir glückliche Besitzer mehrerer griechischer Flaggen sind, lässt sich Arpad es nicht nehmen uns noch die typisch ungarische Süßigkeit in einem kleinen Kiosk zu kaufen, eine Art Milchschnitte mit Schokoladenmantel. Zu guter Letzt fahren wir noch zum bekannten Heldenplatz, wo er seine Weltumrundung gestartet und beendet hat. Er würde uns gerne noch eine ganze Stadtführung geben und auf ein Bier einladen, doch leider müssen wir weiter, denn unser warmshowers Gestgeber Viktor wartet schon auf uns.

Der Weltumrunder Apard zusammen mit uns beiden Europareisenden auf dem Heldenplatz.

Wir finden die Wohnung von Viktor unerwartet schnell ohne Orientierungsprobleme und werden schon von ihm erwartet. Wir schließen unsere Räder im Flur am Geländer fest und tragen unsere Taschen in seine Wohung, die er sich mit einem Mitbewohner teilt. Kaum sind wir drinnen, gibt er uns sehr motiviert eine ausführliche Einführung über die Stadt mithilfe eines Stadtplans. So viele Informationen auf einmal, wir können uns leider nur wenig merken. Danach wird erstmal geduscht. Kaum kommt Leon aus der Dusche, ist Vincent schon wieder abmarschbereit. Er will eine Bekannte vom Skifahren in der Stadt treffen und Leon will sich die Chance Budapest zu sehen natürlich auch nicht nehmen lassen. So ziehen wir gemeinsam los und treffen Marlen und Lena auf einem sehr hippen Streetfood Market in der Innenstadt.

Sehr schöne Location, der Karavan Streetfood Market. Von recht nach links: Lena, Marlen und den Rest kennt ihr hoffentlich.

Nach ein paar sehr leckeren Langos und der absolut ungarischen kulinarischen Spezialität Baumstriezel (nicht zu verwechseln mit ungarischem Baumkuchen!) ziehen wir ein paar Häuser weiter in die von Marlen und Lena heiß umschwärmte Ruinenbar. Nicht ohne Grund, denn diese ist wirklich einen Besuch wert! Auf zwei Ebenen wurde hier aus leer stehenden Häuser alles rausgeholt, was sich mit Vintage Style so machen lässt. Wir haben noch einen sehr netten Abend mit den Beiden und lachen viel.

In der sehr kultigen Ruinenbar.

Langsam werden wir aber alle müde und verabschieden uns auf ein baldiges Wiedersehen in Kassel zur documenta. Vincent bemerkt wenig später, dass Marlen die erste seit dem Start der Tour in Athen ist, die er vorher schon kannte. Wahnsinnig, wenn man bedenkt wie unglaublich viele neue Leute wir schon kennen gelernt haben. Doch ist es eine sehr schöne Abwechslung mal ein bekanntes Gesicht wiederzusehen und über gemeinsam vergangene Erlebnisse zu schwärmen.

Nach diesem wieder sehr ereignisreichen Tag fallen wir übermüde und glücklich in die Federn, nachdem wir unsere obligatorische Wäsche noch mit frischer Luft beglückt haben.

 

Kroatien: kaputt, Boxenstop in Slowenien, hallo Ungarn! #Tag 36 bis 38

Die letzte Woche ging viel zu schnell vorbei.. wir kommen Deutschland immer näher und das merken wir auch deutlich an unserer Umgebung. Heute haben wir das zehnte Land unserer Tour erreicht!

Samstag: Die zweite Nacht in einer warm-showers-Wohnung war super! Und wir freuen uns besonders über unsere gewaschenen, trockenen Schlafsäcke, die auf dem Balkon über unseren Rädern gehangen haben. Während Leon noch liegen bleibt, geht Vincent auf morgendliche Shoppingtour und kommt mit reicher Beute fürs Frühstück wieder. Währenddessen ist unser Gastgeber Vedran mit seinem Hund Simba eine Runde um den Block gegangen, sodass wir gemeinsam am Tisch sitzen. 

Alles wieder frisch gewaschen, inklusive Schlafsäcke 🙂

Etwas träge planen wir den heutigen Tag, der größtenteils aus einer Stadtbesichtigung bestehen soll. Die Bahnen fahren alle paar Minuten, weshalb wir sehr entspannt zur Haltestelle losmarschieren – es ist bereits kurz vor zwölf… Am Kiosk kaufen wir Fahrkarten, die im Vergleich zu Kassel sehr günstig sind (jedoch sind Bahnfahrkarten vermutlich überall günstiger als in Kassel…). Nachdem wir gestern schon im Auto gefahren sind, ist es geradezu ein Schock in der Straßenbahn zu sitzen.

Die Fahrt ist ein kurzer Spaß, denn zur Innenstadt haben wir es nicht weit. Bei einer ehemaligen Moschee, die mehrmals umgenutzt wurde, steigen wir aus und schauen sogleich in den großen, runden Bau hinein, denn es ist mit großen Plakaten die „Comic Con Zagreb“ angekündigt. Ein paar Künstler und eine Ausstellung erwarten uns, weshalb wir etwas länger verweilen.

Wir laufen in Richtung des Domes weiter, der von weitem gut erkennbar, ein Anzugspunkt unserer Aufmerksamkeit ist. Innen ist er sehr dunkel, doch prunkvoll eingerichtet – normal katholisch, nicht orthodox. Wie unterschiedlich die Gotteshäuser eingerichtet sind, fasziniert uns schon seit Beginn der Reise.

Gerade so passt er aufs Foto drauf.

Auf dem Platz vor dem Dom ist eine ganze Reihe von Ständen aufgebaut, die verschiedene Nationen vertreten und in der Mitte ist eine kleine Bühne aufgebaut. Wie wir erfahren, findet heute ein EU-Tag statt, an dem die Mitgliedstaaten jeweils ihr Land vorstellen. Außerdem wird über das Studium im Ausland informiert… in einem der Länder, durch die wir gefahren sind, ein Auslandssemester zu machen, klingt für uns immer reizvoller! Von Werbegeschenken überhäuft machen wir uns weiter, jedoch nicht ohne uns mit dem griechischen Botschafter in Zagreb zu unterhalten, der den griechischen Stand betreut.

Ein paar Schritte weiter beginnt eine ganze Zeile mit Cafés und Restaurants, die allesamt sehr schön eingerichtet sind. Ein Grund mehr, sich mit Leckereien aus der Bäckerei dort niederzulassen.

Der Aufstieg zu einer weiteren Kirche und dem Parlamentsgebäude führt über Treppen und verwinkelte Gassen. Oben hat man einen sehr schönen Überblick über die Stadt. Während Leon auf den Kanonenturm steigt, von dem symbolisch jeden Tag um zwölf Uhr die Kanone abgefeuert wird, zum Gedenken an Zeiten, in denen sie gegen angreifende Feinde eingesetzt wurde, bleibt Vincent unten und baut sein Wissen in der Touriinfo aus.

Andere Treppen hinab, umgehen wir die Zahnradbahn, für die wir kein Geld ausgeben wollen und kommen zu dem hufeisenförmigen Park, in dem diverse Sehenswürdigkeiten zu finden sind. Angefangen mit dem Nationalarchiv, kommen wir zum botanischen Garten, der in dieser Jahreszeit unglaublich am blühen ist.

Der botanische Garten in voller Pracht.
Vincent in action.
Das actionreiche Ergebnis.

Der Tag neigt sich dem Ende zu, weshalb wir in Richtung des Hauptplatzes vor dem Bahnhofsgebäude laufen, wo unsere Bahn fährt. Zurück in der Wohnung, fangen wir an, unsere Gemüsevorräte zu verarbeiten, die wir nun seit mehreren Tagen mit uns schleppen. Dazu gibt es Bulgur und wir unterhalten uns über dies und das. Unter anderem bekommen wir auch einen neuen Eintrag in das Anne-Frank-Tagebuch. Da wir morgen weiter fahren wollen, wird der Abend nicht mehr all zu spät.

Wieder ein neuer Eintrag im Tagebuch und ein zweiter netter Abend mit Vedran!

Sonntag: Bereits die dritte Nacht in Folge in einem Bett zu schlafen ist wirklich totaler Luxus. Gut erholt stehen wir gemeinsam mit Vedran auf, der um 10 Uhr bei einem Berglauf mitmacht. Doch zuerst geht er mit seinem Hund Simba noch eine Runde Gassi, während Leon beim Bäcker fürs Frühstück einkauft und Vincent ein paar der vielen Anfragen über warmshowers für Budapest versendet. Nach Vincents gestrigem gescheiterten Versuch Omelett zu zaubern, beglückt uns Vedran heute mit super leckerem Rührei und eine kroatische Variante von „Arme Ritter“. Da wir unsere Sachen noch fertig zusammen packen müssen, macht sich Vedran vor uns los und wir bedanken und verabschieden uns ganz herzlich für diese tollen zwei Tage mit ihm. Viel gelernt haben wir in den interessanten Gesprächen mit ihm über Land und Leute. Toll, dass es solche Menschen wie ihn gibt, die mit aller Herzlichkeit Menschen bei sich zu Hause empfangen, um Geschichten auszutauschen und eine Art Kulturaustausch zu betreiben.

Effiziente Ausnutzung einer Einzimmer-Wohnung.
Auch die Räder haben einen sicheren Stellplatz neben dem Flitzer von Vedran gefunden.

Bevor wir die Zagreb verlassen, erwerben wir noch hochprozentigen Alkohol in der Aphoteke, als Ersatz für unseren zu neige gehenden Spiritus. Dann heißt es Abschied nehmen von dieser schönen Stadt, auf gehts nach Slowenien. Am Stadtrand auf einer wenig befahrenen Straße, fällt Vincent plötzlich etwas von seinem Fahrrad herunter und er hört nur hinter sich, wie Leon es ungewollt in voller Fahrt überrollt. Mit Schreck stellen wir fest, dass sich das Gehäuse von Vincents Actioncam während der Fahrt geöffnet hat (wir wissen bis heute nicht wie genau das passieren konnte) und es die Actioncam war, die auf die Straße gefallen ist. Resultat, die Actioncam hat einen Totalschaden erlitten.

Das war dann wohl selbst für eine Actioncam zuviel Action…

Etwas niedergeschlagen von diesem unerwarteten Lebensende der treuen Begleiterin, fahren wir schweren Herzens weiter. Doch wenig später ist selbst Vincent wieder bester Laune, er schmiedet schon Pläne für eine neue Sponsoring-Aktion (mehr wird noch nicht verraten).

Wenig später bekommen wir ein kleines déjà-vu an den Anstieg hinter Sarajewo, als wir schwer schnaufend im stehen (für im sitzen kurvend die Straße hochfahren ist es zu steil) die Straße hochschleichen. Zum Glück ist der Anstieg nicht ganz so lang wie in Sarajewo, dafür aber kurz und knackig.

Oben angekommen haben wir einen tollen Ausblick auf die umliegenden Hügel, doch leider ist Zagreb schon hinter einer Hügelkette verschwunden. Der Anblick der willkommenen Erhebungen und die bevorstehende Abfahrt lässt es aus Vincent heraus: „Jetzt weiß ich es wieder, ich mag Berge doch lieber als Flachland“. Kurz darauf hört der Asphalt unserer Straße aprupt auf und verwandelt sich in einen steinigen Schotterweg, wir bereiten uns schon aufs Schlimmste vor. Doch es kommt viel besser als gedacht und genießen eine spaßige Mountainbikeabfahrt.

Mountainbike 3.0

Auf der weiteren Strecke kommen wir an einigen auffällig großen Menschenansammlungen vorbei, erst später fällt uns ein, dass dies mit dem Muttertag zu tun haben muss. Der wird hier anscheinend groß gefeiert. Das Landschaft verliert heute den ganzen Tag über nicht ihren Reiz, sie ist im höchsten Grade abwechslungsreich. Genauso das Wetter…

Die Wolken ziehen langsam näher.

Da wir erst spät aufgebrochen sind, machen wir uns erst um kurz nach zwei auf die Suche nach einem geöffneten Supermarkt, doch am heutigen Tage leider Fehlanzeige. Wir müssen uns wieder mehr an deutsche Verhältnisse gewöhnen und in Zukunft vorrausschauender einkaufen. Zum Glück haben wir noch etwas Essen von heute Morgen dabei und so setzen wir uns aufgrund eines kleinen aufziehenden Schauers in ein Café und stärken uns.

Die Zeitspanne unserer Pause haben wir ideal gewählt, denn als wir uns wieder auf die Räder schwingen ist der Schauer vorüber. So fahren wir nun stets neben der Autobahn auf einer Landstraße gen Norden und kommen schneller voran als erwartet.

Wir sind uns nicht ganz sicher, ob dies ein Verbotsschild darstellen soll. Spielt aber auch keine Rolle, hier führt schließlich unser Track entlang 😀

Die Landschaft wird wieder etwas hügeliger, doch dank ein paar Tunneln bleiben wir ganz bequem im Tal. Diese sind zu unserer Freude beleutet, die ersten beleuchteten Tunnel auf unserer Tour. Im Balkan waren die Tunnel nicht viel mehr als ein Loch im Berg, keine Beleuchtung, keine Belüftung, keine Notfallbeschilderung oder ähnliches. Doch immer noch Welten besser, als über den Berg zu müssen!

Kurz vor der vermeintlichen Grenze treffen wir auf zwei Mädchen, die uns zu verstehen geben, dass diese Straße nicht nach Slowenien führt und wir stattdessen eine andere nehmen müssten. Ganz verstehen wir nicht, doch kurz darauf kommt ein anderer Radfahrer, der sich als Slowene entpuppt und auf dem Heimweg ist. So folgen wir ihm ein kleines Stück die Straße zurück und fahren schließlich auf die Autobahn auf.

Dieser Grenzposten ist anscheinend seit dem Eintritt Kroatiens in die EU nicht mehr passierbar.
Unsere Alternativroute führt uns ein kleines Stück über die Autobahn bis zur Grenze, wohlbemerkt das erste Mal Autobahn auf unserer Tour.

Anscheinend ist dieses kurze Stück Autobahn bei dem hiesigen Grenzübergang nicht zu vermeiden und so genießen wir die paar Meter fast leergefegte Autobahn. Vedran hatte uns morgens noch gewarnt, es könnte an der Grenze zu Slowenien aufgrund des Eintritts in den Schengen-Raum zu Wartezeiten bis zu fünf Stunden kommen. Als wir dem Grenzposten näher kommen sehen wir, was er gemeint hat. Es reiht sich ein Reisebus an den nächsten, es müssen alle Gäste aussteigen und ihren Reisepass vorzeigen. Das kann dauern… Doch wir folgen einfach dem Radfahrer aus Slowenien, der sich wie ein alteingesessener Kurierfahrer gekonnt an den wartenden Blechlawinen vorbeischlängelt. So passieren wir in null komma nix die kroatische Grenze, wo unsere Reisepässe noch gescannt werden. Auf der slownischen Seite werden wir von der Grenzbeamtin nur mit einem Lächeln durchgewunken, als sie unsere deutschen Reisepässe erblickt. Willkommen in Slowenien!

Unser Heilsbringer will heute noch gut 20 km weiter fahren bis in seine Heimatstadt Maribor, deshalb tritt er hinter der Grenze ziemlich in die Pedale. Doch Vincent will sich die ohnehin schon kurze Zeit in Slowenien nicht noch durch Hetzen kürzen lassen und fährt so entspannt hinterher. Da uns der nette Herr aber unbedingt den Weg bis nach Ptuj zeigen will, wo wir heute Nacht schon die vierte Nacht in Folge über warmshowers verbringen, wartet er immer wieder am Wegesrand auf uns.

Der freundliche slowenische Radfahrer mit uns.

Schließlich sind wir in Ptuj (deutsch Pettau) und verabschieden uns dankbar bei unserem sehr motivierten Mitstreiter. Ptuj ist eine überschaubar kleine, sehr schöne Stadt mit einer toll anzusehenden erhaltenen Altstadt. Auf dem Weg zur Wohnung von Damjana, unsere heutige Gastgeberin, hält plötzlich eine Frau neben uns und meint ganz euphorisch „Are you my warmshowers guests tonight?“. Sie stellt sich uns als Damjana vor und erklärt uns kurz den Weg zu ihr, bevor sie mit der Rennradgruppe weitersaust, was für ein Zufall! Heute Nacht sind wir nicht ihre einzigen Gäste, ein 73-jähriger Amerikaner hat es sich ebenfalls in ihrer großen sehr kunstvoll eingerichteten Wohnung gemütlich gemacht. Er begrüßt uns freundlich und wir verbringen einen entspannten Abend mit tollen Gesprächen. Der Amerikaner erzählt uns, er sei schon seit vier Jahren mit dem Liegerad in Europa unterwegs, er und seine Frau hätten in Oregon alles Hab und Gut verkauft und seien in eine Wohung nach Montenegro gezogen. Diesen Sommer seien sie getrennt unterwegs, seine Frau würde in den Alpen wandern und er macht eine Radtour durch Osteuropa. Eine absolut beeindruckende Persönlichkeit finden wir und wünschen uns, in diesem Alter noch genauso fit zu sein.

Ptuj, idyllisch gelegen am Fluss Drava.

Später kommt Damjana mit ihrem Sohn vom Radtraining wieder und wir unterhalten uns noch nett über Gott und die Welt. Vincent kommt noch auf die Idee, sie um einen Beitrag im Anne Frank Buch zu bitten, welchen Damjana freudig einträgt. Doch leider muss sie am nächsten Tag früh zur Arbeit und so machen wir uns es in einem eigenen Zimmer gemütlich und schauen eine Reisedoku von zwei Radreisenden (für alle Interessierten: Berlin2Shanghai in der ARD Mediathek eingeben, noch bis Anfang Juni verfügbar. Sehr zu empfehlen von den bekannten Hoepner Zwillingen!).

Montag: Wir erinnern uns noch an die weisen Worte des Amerikaners gestern Abend, der sich angesichts des Wettertiefs für einen Pausentag heute entschieden hat. Als wir das Fenster aufmachen sehen wir einen grauen Himmel und hören den nicht enden wollenden Regen auf die Erde niederprasseln. Angesichts dieser Tatsache packen wir sehr gemütlich unsere Sachen zusammen und machen uns etwas verspätet auf dem Weg zum Bäcker und Supermarkt fürs Frühstück. Alles nötige Essen beisammen, können wir leider keine überdachte Sitzmöglichkeit finden, weswegen wir uns in den überdachten Außenbereich eines gemütlichen Cafés setzen und dort nun eher einen Brunch als Frühstück im trockenen zu uns nehmen.

Ptuj mit seiner auffallend gut erhaltenen alten Bausubstanz ist die älteste Stadt der ehemaligen Steiermark.

Reichlich spät um viertel nach elf satteln wir die Räder und machen uns mit voller Regenmontur auf den Weg. Doch das wird uns bei 16°C schnell zu warm und wir haben die Wahl zwischen nass werden vom Regen oder vom Schweiß. Leon entscheidet sich fürs erstere während Vincent die Schweißvariante bevorzugt.

Todesmutig stürmt Leon ohne Regenjacke den Berg/Hügel hoch.

Das schlechte Wetter schafft es aber zum Glück nicht, uns die gewohnt gute Laune zu nehmen und so saugen wir die schöne Hügellandschaft nur so in uns auf. Plötzlich taucht in der Ferne ein nicht identifizierbarer Turm auf, welcher sich als begehbarer Funkturm entpuppt. So stellen wir unsere Räder ab und krackseln die vermutlich steilsten Treppen Sloweniens hinauf. Doch die Strapazen lohnen sich, von oben ist eine herrlicher Ausblick. Leider tut das Wetter sein übriges und versperrt uns den vermutlich grandiosen Blick auf die Alpen.

Drohnenansicht von oben.
Die Aussicht könnte schlechter sein.

Nach diesem klein bisschen Höhenluft schnuppern geht es leicht bergab und wir folgen der Straße bis in den nächst größeren Ort, wo wir einen Supermarkt finden. Da wir heute morgen schon Brotzeit hatten entscheiden wir uns für ein Müsli am Mittag. Während wir Pause machen, wird der Regen langsam weniger und wir schöpfen erste Hoffnungen, unser Zelt heute nicht auf nassem Untergrund aufbauen zu müssen.

Müsli-time auf Stühlen vor dem Supermarkt.

Weiter führt uns der Track immer näher an die Grenze zu Ungarn, obwohl wir dieses schöne Land nach gerade mal einem Tag eigentlich nicht schon wieder verlassen wollen. Doch da wir bis zur Ankunft in Kassel inzwischen einen ausgearbeiteten Zeitplan haben, wissen wir leider, dass wir weiter müssen.

Der Teil Sloweniens, den wir befahren, hat ein außergewöhnlich gutes Radwegenetz. Sowohl innerorts als auch auf dem Land!

Kurz vor der Grenze wird es spannend für Vincent. Da er diesen Teil der Route geplant hat, weiß er dank der heutigen digitalen Möglichkeiten, dass die Straße im Nichts enden sollte. Deswegen war eigentlich der Plan, einen kleinen Umweg zum Grenzübergang der Autobahn zu fahren. Doch als wir an diesem Abzweig ankommen, entscheiden wir uns kurzerhand fürs Abenteuer und fahren das kurze Stück in die vermeintliche Sackgasse. Vincent kann seinen Augen nicht glauben, offentsichtlich wurde hier von ungarischer Seite erst vor kurzem eine nigelnagelneue Straße gebaut. So können wir die erste Grenze ohne Greneposten auf unserer Tour passieren, ein seltsames Gefühl. Wäre da nicht das obligatorische Willkommensschild hätten wir kaum geahnt in einem anderen Land angekommen zu sein.

Der Grenzübergang zwischen Slowenien und Ungarn, einzig und allein getrennt durch einen kleinen Graben.
Ganz ungestört können wir ein Grenzfoto machen. Der erste Grenzübergang, wo wir nicht unseren Reisepass vorzeigen müssen.

Inzwischen ist es schon wieder spät geworden und wir finden nach einem kleinen Stop in der Stadt Lenti einen ultimativen Campingspot 500m von der Straße entfernt inmitten der Natur. Während Vincent Bulgur mit Gemüsepfanne kocht sammelt Leon Brennstoff für ein Lagerfeuer. So richtig haben wir es noch gar nicht begriffen, dass wir uns schon wieder in einem neuen Land befinden. Doch zum Glück verbringen wir hier wieder ein paar mehr Tage, als in Slowenien. Eins steht fest, Slowenien ist einer der vielen Orte, wo wir definitiv zurückkommen wollen.

Umgeben von Wald und Wiesen schlagen wir unser Nachtlager auf. Und tatsächlich ist es trocken geworden!

Seit gestern ist in der Hessen-Mediathek ein Beitrag über unsere Tour zu sehen. Merlin Franke hat uns für seine Sendung ‚Hallo Kassel‘ gefilmt, die beim Offenen Kanal ausgestrahlt wurde.

http://www.mediathek-hessen.de/index.php?ka=1&ska=medienview&idv=15876

Beflügelt von Land, Leuten und Wetter nach Zagreb #Tag 34 & 35

Seit wir im Flachland unterwegs sind, begegnen uns seit Belgrad erstaunlich viele Einheimische mit dem Fahrrad. Was uns Anfangs noch verwunderte ist ganz einfach damit zu erklären, dass wohl die meisten Menschen auch ohne Gepäck Anstiege mit dem Rad eher meiden. Das gleiche Phänomen, wie man es wohl an vielen Orten der Welt beobachten kann. Auf der Ebene radelt es sich einfach mit weniger Anstrengung und macht es so für eine breite Masse der Bevölkerung zu einem attraktivem Fortbewegungsmittel. Die Gründe dafür sind so vielschichtig, dass man darüber wohl einen eigenen Blogeintrag verfassen könnte, also lassen wir es an dieser Stelle fürs Erste dabei…

Donnerstag: Wie am Abend zuvor von Ana angekündigt, werden wir um Punkt sechs Uhr von den Kirchenglocken direkt über uns etwas unsanft aus dem Schlaf gerissen. Doch das macht nichts, denn viel länger hätten wir vermutlich ohnehin nicht geschlafen. Etwas müde vom ungewohnt späten Abend gestern, packen wir unser leicht feuchtes Zelt ein. Wir überlegen kurz, ob wir der am Abend ausgesprochenen Einladung auf ein Frühstück bei Ana und ihren Eltern nachkommen sollen, entscheiden uns aber aufgrund der noch großen eigenen Vorräte dagegen. Auch wenn uns die Entscheidung nicht leicht fällt, wird uns doch deutlich, in welch einer Luxussituation wir uns einmal mehr befinden, sich zwischen zwei Frühstücksumgebungen entscheiden zu müssen.

Der einmalige Campingspot im Licht der warmen Morgensonne, im Hintergrund ist das Pfarrhaus sowie ein kleines Kloster inklusive Altersheim zu sehen.

An den ersten Supermärkten fahren wir bewusst vorbei, um nicht doch noch eine Begegnung mit bekannten Gesichtern und der Versuchung einer Einladung zum Frühstück zu entgehen. Nach fünf Kilometern stoppen wir dann aber doch und Leon holt den üblichen Liter Joghurt für unseren Fruchtcocktail. Als Leon wieder herauskommt, unterhält sich Vincent mit einem älteren Herrn, der einige Jahre in Düssseldorf gearbeitet hat. Ein weiteres Mal verdutzt von den vielen Kroaten, die schon in Deutschland gearbeitet haben, lassen wir uns unweit vom Supermarkt auf einer Bank zum Frühstück nieder.

Das Repatoire unserer Frühstücksorte wird um ein neuen erweitert, ein Spielplatz 😀

Nach einem sonnigen Frühstück und zufrieden gestellten Mägen schwingen wir uns wieder in den Sattel. Wir fahren nun schon seit einigen Tagen auf der sogenannten Ruta Sava, welche eine ausgeschilderte Fahrradroute entlang des Flusses Save (Sava) darstellt. Zwar führt die Route fast gänzlich auf der Landstraße entlang, doch diese ist sehr angenehm wenig befahren und so genießen wir bei wieder super Wetter die Landschaft sowie die vielen grüßenden Passanten.

Wir fahren seit Belgrad fast durchgehend auf der „Ruta Sava“, welche zu großen Teile ein wenig befahrene Landstraße ist.

Vincent erinnert sich plötzlich wieder an die Worte von Ana am Vorabend, es würde auf der heutigen Strecke viele zerstörte Orte sowie Einschusslöcher in Hausfassaden geben. Diese sind ein trauriges Überbleibsel des Krieges gegen Serbien von 1991 bis 1995. Kaum hat Vincent seine Gedanken ausgesprochen,  kommen wir auch schon in den ersten Ort, wo so ziemlich jedes Haus kaum älter als 20 Jahre zu sein scheint. Zwischendrin stehen immer mal wieder halb zerfallene Häuser mit erschreckend vielen Einschusslöchern. Wir sind beide etwas erstaunt von der großen Zerstörung des Krieges, denn wir hatten nach dem Kosovo keine größeren Zerstörungsanzeichen mehr erwartet. 

Während Leon ein Foto von einem auffallend schönem Haus mit liebevoll eingerichteten Garten macht, kommt ein Mann an den Gartenzaun. Er stellt sich uns mit wenige Fetzen Deutsch als George vor und lädt uns zunächst ein, unsere Wasservorräte an seinem Brunnen aufzufrischen. Als wir uns wieder verabschieden wollen, kommt seine Frau Melina mit einem Teller voller selbstgebackener Gebäckköstlichkeiten aus dem Haus. Wir ahnen schon, was das bedeutet und begeben uns beglückt, abermals auf so herzliche Menschen gestoßen zu sein, auf die gemütliche Terrasse.

George, Melina und Vincent vor deren stilvoll eingerichteten Grundstück.

Während wir uns mit süßen Leckereien den Magen voll schlagen, erzählt uns George mit englischen & deutschen Wortfetzen einiges über seinen Garten und klärt uns stolz auf, dass er sein Haus nach dem Krieg selbst gebaut habe. Nachdem wir von Melina noch österreichischen Cappuchino serviert bekommen haben, machen wir uns wieder auf dem Weg, mit einem unübersehbarem Strahlen im Gesicht. Wir hatten bisjetzt nach jeder solcher Begegnungen ein Gefühl, dass diese einmalig war, doch in Kroatien scheint dies nicht zu gelten. Hier gibt es viele dieser einmalig herzlichen & gastfreundlichen Menschen.

Eine absolute Schande, diese Kirche wurde während dem Krieg stark zerstört.

Unsere Strecke führt uns weiter durch ehemahls zerstörten Ortschaften. Doch zum Glück ist hier wieder viel Leben eingekehrt, die Menschen arbeiten und leben hier wie in anderen Orten auch. Der Anblick scheint uns dennoch ein wenig paradox, zum einen das blühende Leben zu sehen und direkt daneben noch deutlich sichtbare Spuren des Krieges zu entdecken.
Foto Mittagspause 

Nach knapp 60 Tageskilometern kommen wir in Novska an, wo wir einen Mittagsstop einlegen. Erst wird richtig geschlemmt, mit mächtigen aber super leckerem Burek aus der Bäckerei und dann ist Entspannung angesagt. Nach einer kleinen sehr angenehmen Erfrischung in einem vermeintlichen Wassertretbecken, welches sich als Brunnen entpuppt, setzen wir uns in ein nahgelegenes Cafe, um am Blog zu schreiben.

Vincent kann einer kleinen Erfrischung im Becken eines Brunnen bei sommerlichen Temperaturen nicht widerstehen.

Die Zeit vergeht wie im Flug und um fünf stellen wir etwas erschrocken fest, dass wir mal weiter fahren sollten. Schnell wird der fertige neue Blogeintrag noch hochgeladen und schon sitzen wir auf den Rädern. Es sind noch 26 km bis nach Kutina, wo uns der erste warmshowers Gastgeber unserer Reise erwartet. Warmshowers ist eine Internetplattform für Radreisende, wo man Gastgeber finden kann, die einem ein Platz zum schlafen und auf jeden Fall eine warme Dusche anbieten. Mit einem ähnlichen Energieboost wie am Vortag, fahren wir die Strecke in einer knappen Stunde und stellen dabei erfreut fest, welch einen netten Trainigseffekt die letzten Wochen doch hinterlassen haben.

Während wir auf dem Lidl Parkplatz auf unseren warmshowers-host warten vernichten wir noch die letzten Essensreste 🙂

Angekommen in Kutina fahren wir zum vereinbarten Treffpunkt, einem Lidl-Parkplatz, wo uns unser Gastgeber Lukica abholen will. Nach einem kurzen Anruf ist er eine viertel Stunde später auch schon da und begrüßt uns, selbstverständlich mit dem Rad. Wir folgen ihm durch die kleine Stadt, den Berg hinauf zu seinem Elternhaus, wo er im oberen Stockwerk sein eigenes Reich hat. Dort beziehen wir sein Zimmer, welches er großzügigerweise für uns freigeräumt hat, er schläft stattdessen auf der Couch. Die erste Dusche seit Belgrad tut wirklich gut und wir fühlen uns sauberer denn je. Zum Abendessen hat die Mutter von Lukica Nudeln gekocht, welche wir mit selbstgemachtem Tomatenketchup genießen. Lukica erzählt uns viel vom Kroatienkrieg gegen Serbien und wir hören gespannt zu. Doch lange hält es uns nicht mehr am Tisch, wir sind beide einfach zu müde. Dankend verabschieden wir uns von Lukica, der morgen schon früh aus dem Haus zu Arbeit muss und fallen ins Bett.

Freitag: Die erste Nacht bei einem warmshowers-Host war eine neue Erfahrung auf der Tour. Das Gefühl dabei ist ein ganz anderes, als wenn man von einer Familie einfach so eingeladen wird. Zwar ist das so herzlich und super nett, aber man steht dann im Mittelpunkt von allem, was hier in Kroatien normal sein mag (oder in Albanien, im Kosovo und eigentlich überall auf unserer Reise), für uns jedoch neu ist. Wenn man hingegen bei anderen Radfahrern unter kommt, erzählt man zwar auch sehr viel und gerne, hat jedoch auch noch Zeit für sich.

Wir stehen auf, packen alles zusammen, hinterlassen noch eine Nachricht zum Dank, die Lukica später finden wird und geben den Haustürschlüssel bei seinen Eltern ab. Sehr schön war es hier, mit viel selbst angebautem Gemüse im Garten und einem großen Gartenteich mit Fischen.

Leider haben wir ein Foto von Innen vergessen, hier das Haus von Lukica von Außen.

Ein Stück durch den Ort fahren wir noch und kaufen unser Müsli-Frühstück ein. In der Sonne, die bereits warm genug für kurze Sachen ist, genießen wir den Morgen. Eine Frau hört uns deutsch sprechen und erzählt uns sogleich, dass sie lange in Deutschland gelebt hat. Sie hätte uns auch zu sich nach Hause eingeladen, zum Essen und Schlafen, doch wir sind schon am frühstücken und wollen heute weiter fahren, weshalb wir dankend ablehnen müssen…

Frühstück im strahlenden Sonnenschein.

Es wird ein sehr warmer Tag werden. Unsere heutige Etappe bis Zagreb startet genau wie die letzten Tage sehr beschwingt. Durch eine sehr schöne Wald- und Wiesenlandschaft fahren wir den ganzen Vormittag dahin. Ab und an haben wir jetzt sogar richtige Hügel auf der Strecke! Während wir einen dieser Hügel hinaufschnaufen, überholt uns in sehr gemächlichem Tempo ein Traktor, der einen Anhänger mit Schweinemist transportiert. Leon fasst sich ein Herz und hält sich kurzerhand am Anhänger fest. Der Fahrer nimmt das mit einem Lachen hin und so wird das (leider nur für Leon) die entspannteste Auffahrt. „Das wollte ich die ganze Zeit schon machen!“, ist sein Kommentar danach. Schon mehrere Male hat sich uns eine solche Gelegenheit ergeben.

Noch ahnt Leon nichts von seinem Glück, im Hintergrund kommt der Traktor angefahren. Guter Laune ist er trotzdem schon 😀

Gegen Mittag erreichen wir Ivanić Grad, ein Zehntausend-Einwohner-Ort, wo wir erneut an einer Kirche halt machen und rasten. Während wir zur Abwechslung mal wieder am Essen sind, kommt ein Mann vorbei, der sehr begeistert von unserer Tour ist. Er selbst möchte bald eine eigene Tour machen. Nachdem er kurz verschwunden ist, kommt er mit zwei Kulis aus einem Touribüro wieder und meint, dass er uns unbedingt etwas mitgeben möchte. Sehr erfreut von der netten Geste, verabschieden wir uns voneinander. Während sich Vincent mit dem Blog auseinandersetzt, schlägt Leon sein Buch auf, was mit der Zeit nach gaaaanz unten in seine Packtasche gerutscht ist (wie gesagt ist die Zeit zum Lesen bisher nicht wirklich da gewesen). 

Mittagspause im Grünen vor einer schönen Kirche, die aber leider nur Sonntags geöffnet ist.

Als wir nach der Pause aufbrechen wollen, denken wir nochmal an die lustige Begegnung eben und prompt taucht der Mann nochmal auf! 😀 Er ist anscheinend öfter hier unterwegs.

Wir fahren aus dem Ort und jetzt begegnet uns die erste der Tiefpumpen, die uns die Österreicher vor ein paar Tagen zu Hauf angekündigt hatten. Was genau die Pumpen hier an dieser Stelle zu Tage befördern, wissen wir noch nicht. Bisher waren wir von Erdöl ausgegangen, doch werden damit auch Sole und andere Flüssigkeiten aus dem Untergrund gefördert.

Wie wir heute von unserem Gastgeber in Zagreb erfahren haben werden diese Aparaturen in Kroatien zur Erdgas-Gewinnung genutzt.

Nachdem wir ein Stück aus der Stadt gefahren sind, begegnen uns noch mehr dieser Pumpen, bei denen wir wie hypnotisiert stehen bleiben. Weiter geht es unweit der Autobahn entlang, die wir das eine oder andere Mal kreuzen. Wir sehen sogar einen Storch… fast nur einen… in jedem Dorf. Diese sind wirklich wunderschön!

Ein Storch und eine Kirche im Einklang.

Nicht mehr lange und wir erreichen Zagreb, die Hauptstadt Kroatiens! Unsere zweite warmshowers Unterkunft wartet hier auf uns, wo wir zwei Nächte verbringen werden. Zwar liegt sie nicht ganz im Zentrum der Stadt, doch es gibt gute Bus- und Bahnverbindungen, weshalb das kein Problem ist (die Räder lassen wir dann faul stehen, weil wir sie nicht mitten in der Stadt anschließen wollen…). Nach einigem rumgegurke finden wir das Haus von Vedran, der schon ein Essen für uns vorbereitet hat! Seit ein paar Tagen schon haben wir Gemüse und Bulgur für ein leckeres Abendessen dabei, doch da wir immer zum Essen eingeladen wurden, konnten wir es noch nicht verarbeiten.

Nach 5 Etappen haben wir uns einen Pausentag in Zagreb verdient.

Nachdem wir geduscht und gegessen haben, fahren wir mit Vedran zu einem Bergsteigertreff, der sich jede Woche zu einem Feierabendbier und ein wenig Planung in einem kleinen Raum nahe der Innenstadt trifft. Freudig werden wir aufgenommen und unterhalten uns eine Weile mit den Leuten, doch merken wir beide, wie müde wir vom Tag sind. Deshalb verabschieden wir uns schon früher, laufen zurück und fallen schnell ins Bett.

Wir mussten dem Spruch „It smells like fresh roses here“ mal auf den Grund gehen 😀
Das gesellige Treffen des Mountaineering Clubs mit unserem Host Vedran.

Mit Gegenwind und vielen Wolken ins sonnige Kroatien! #Tag 31 bis 33

Gut, dass es nicht immer regnet.. fast eine Woche lang war das Wetter sehr dürftig, weshalb wir jetzt sehr ausgelassen das gute Wetter feiern! Wir haben uns sehr über die Rückmeldung zur Halbzeitstatistik gefreut ;D wer noch mehr Ergänzungsvorschläge hat, kann gerne einen Kommentar verfassen…

Montag: Schade, schade, Belgrad müssen wir heute hinter uns lassen.. wie in vielen Städten auf unserer Tour, hätten wir auch hier gut und gerne noch ein paar Tage länger bleiben können.. Unser Zeitplan lässt das aber nicht zu, obwohl wir ihn recht flexibel gestaltet haben. Schon jetzt wissen wir, dass das nicht die letzte Reise in den Balkan ist!

Das Gepäck ist schnell verstaut, doch einige organisatorische Dinge müssen noch erledigt werden. Ziemlich spät verlassen wir das Hedonist-Hostel, dessen Team super freundlich und hilfsbereit ist! Sehr zu empfehlen! (In der Saison ist es allerdings ratsam, im Vorfeld zu buchen, da das Hostel sehr begehrt ist) Wir drehen zunächst noch eine Runde durch die Stadt, denn wir wollen in einer der vielen Buchhandlungen einen serbischen Eintrag in das Tagebuch bekommen. In der Fußgängerzone, in der wir gestern Abend noch einen Künstler getroffen haben, der mit einer Spachteltechnik schöne Bilder gezaubert hat, werden wir fündig…

Nachdem wir in einem Outdoorladen vergebens nach Spiritus gesucht haben, beschließen wir endlich loszufahren. Unser Vorrat geht zwar langsam zur Neige, doch in dem Laden hat man uns Vodka als Ersatz empfohlen, was zwar gut brennt (in jeglicher Hinsicht) aber auch viel Ruß hinterlässt. Im Notfall lässt sich das jedenfalls überall auftreiben.

Auf einem bestens ausgebauten Fahrradweg fahren wir aus der Stadt hinaus, ein Stück an der Donau entlang. Das Wetter lässt zu wünschen übrig, denn es ist bewölkt und zwischendurch fallen ein paar Regentropfen. Zudem hat der Wind seine Richtung der letzten Tage nicht geändert. Alles, was wir zuvor im Rücken hatten, pustet uns jetzt entgegen, weshalb es gemächlich voran geht.

Der Donauradweg! An anderer Stelle der Route werden wir erneut auf die Donau stoßen, doch jetzt heißt es ersteinmal Abschied nehmen! Im übrigen auch zur Gänze vom Balkan, der von Save und Donau abgegrenzt wird…

Ab und an gibt es auch neben der Bundesstraße einen Radweg! Die meiste Zeit fahren wir jedoch auf der Straße, auf der uns viele große LKWs überholen.

Der Gegenwind zerrt ziemlich an unseren Kräften, da wünschen wir uns fast die Berge zurück! Der Vormittag zieht sich etwas dahin, doch immerhin sind die Temperaturen perfekt zum Radfahren. Unterwegs kommen wir immer wieder an leer stehenden Kirchen vorbei, die verlassen inmitten von Ortschaften stehen. 

Mehr oder weniger gut erhalten, lassen sich einige der Kirchen sogar von innen besichtigen. Der obere Teil der Turmtreppe sieht allerdings nicht sehr vertrauenerweckend aus, weshalb wir nur bei einer verfallenen Orgel ohne Pfeifen halt machen.

Gegen zwei Uhr orientieren wir uns Richtung Pause, weshalb wir bei einem Bäcker einkaufen. Der Mann, der nach uns in den Laden kommt, spricht uns begeistert an mit: „We have same blood! I’m cyclist too!“. Kurz darauf lässt er es sich nicht nehmen, uns unseren Einkauf zu bezahlen. Ruma, der Ort an dem wir angehalten haben, scheint sehr radbegeisterte Menschen zu beherbergen!

Auf dem Platz, an dem wir die Pause einlegen, befindet sich ein merkwürdige, kameraüberwachte Videotafel, auf der ununterbrochen Werbung läuft.. vielleicht gibt es hier zu besonderen Anlässen auch soetwas wie ein Public Viewing, denn sonst erschließt sich uns der Sinn der Tafel eher weniger. Vorallem scheint uns die Ausrichtung der Videokameras komplett sinnfrei, denn sie sind nicht auf den Platz, sondern auf die Vidoetafel gerichtet.

Ein üppiges Mittagessen später, sitzen wir auf den Rädern, mit wenig Motivation uns dem Wind entgegenzustellen.. Doch mit wechselnden Positionen fahren wir jeweils im Windschatten des anderen, sodass wir die Strecke relativ gut bewältigen. Auf die Idee, diese Straße entlangzufahren, sind nicht nur wir gekommen! Seit dem Franzosen Alex in Tirana, begegnen wir nach langer Zeit mal wieder Radreisenden, diesmal ein österreichisches Paar. Aus der Gegenrichtung kommend, warnen sie uns vor, dass es einkaufstechnisch eine laaange Durststrecke in Kroatien gibt, wo wenig Hotels, Restaurants und dergleichen zu finden sind. Wir tauschen uns noch kurz weiter aus und stellen fest, dass sie nach Athen fahren wollen, ein witziger Zufall. Nach guten 90 Kilometern Gegenwind sind wir geplättet vom Tag und finden einen Campingspot etwas abseits der Straße auf einem Feldweg. Durch übel richenden Schlamm und einer Menge Müll gelangen wir dort hin. Insgesamt ist es nicht der schönste Ort zum Campen, doch wir haben beide wenig Lust, noch weiter zu suchen.

Nachdem das Gemüse vor sich hin köchelt, das Zelt in noch etwas feuchtem Zustand aufgebaut ist und ein Lagerfeuer bereit steht, lehnen wir uns entspannt zurück. Wir hoffen auf eine trockene Nacht und hoffentlich weniger Wind am morgigen Tag!

Das Feuer brennt! Leider nur kurz, denn viel mehr als vertrocknetes Schilf und Maisstoppeln vom Feld können wir nicht auftreiben.

Dienstag: Die erste Licht dringt in unser Zelt und lässt uns wie gewohnt um halb sieben aus unseren Schlafsäcken kriechen. Als wir das Zelt öffnen und erwartungsvoll in den Himmel blicken, werden wir leider von einem dicht bewölkten Himmel enttäuscht, der nur so nach Regen riecht. Nachdem wir alles wieder an den Rädern verstaut haben, geht es die 500 Meter schlammigen Feldweg zurück zur Straße. Was am Abend schon bei Vincents Schutzblech für Schwierigkeiten gesorgt hatte, macht jetzt Leon zu schaffen. Sein hinteres Schutzblech nimmt den Schlamm nur geradezu gierig auf, sodass das Hinterrad komplett blockiert.

Unser Nachtlager inmitten von Feldern war offensichtlich direkt neben einer inoffizielen Müllkippe, dies bestätigte auch der von Leon beschriebene „einzigartige“ Geruch.
Nach einer kleinen Stochereinheit mit einem Stock rollt Leons Hinterrad wieder anstandslos.

Nach den ersten Kilometern stoppen wir in einem kleinen Ort und besorgen uns in einem winzigen, aber super sortierten Laden einen Liter Joghurt. Liter deshalb, weil der Joghurt hier flüssig in Flaschen verkauft wird, eine Art Trinkjoghurt. Den Rest für ein ausreichendes Müsli haben wir noch dabei und machen es uns so auf einer Bank gemütlich. Als wir unser Zeug gerade wieder zusammenpacken, kommt eine alte Frau des Weges gelaufen, sie hatte uns schon eine ganze Weile von der anderen Straßenseite aus beobachtet. Interessiert erkundigt sie sich auf serbisch und so können wir ihr leider nur mit wenigen Wortfetzen beibringen was wir hier machen und wo wir herkommen. Zum Abschied winkt sie uns ganz freudig zu und uns kommt ebenfalls ein fröhliches Lächeln übers Gesicht.

Unser Frühstücksspot unterm Baum. Im Hintergrund die für diese Region typisch prunkvollen Fassaden der einfachen Wohnhäuser.

Unsere Strecke führt durch viele Felder und immer wieder sehr lang gestreckten Orte, die neben der Hauptstraße kaum andere Straßen haben. Das ist eine uns sehr willkommene Abwechslung zur etwas öden platten Landschaft zwischen den Orten. Außerdem haben die Orte den Vorteil, dass der heute schräg von vorne kommende Gegenwind deutlich abgebremst wird.

Fast in jedem Ort fällt uns die immer gleiche Bauweise der Vorgärten inklusive eines kleinen Kanals auf, der das Regenwasser ableitet.

Trotz kräftezehrendem Gegenwind kommen wir einigermaßen gut voran und sind so gegen 11 bereits im letzten Ort vor der Grenze zu Kroatien. Hier denken wir an den Tipp der Österreicher von gestern und decken uns mit so viel Essen ein, dass man denken könnte, hinter der Grenze würde eine einsame Wüste beginnen.

Essen genug für die nächste Sahara-Durchquerung.

Kurz stoppen wir noch bei einer Wechselstube um unsere restlichen serbischen Dinar in die ersten kroatischen Kuna umzutauschen. Gerüstet für das neue Land fahren wir die letzten Kilometer bis zur Grenze. Dort angekommen müssen wir erstaunlich lange warten, da die Grenzbeamten einen Reisebus anscheinend etwas genauer unter die Lupe nehmen. Kein Wunder, denn hier ist einer der vielen Eingänge die die heiß begehrte EU. 

Nicht zu übersehen, wir sind wieder in der EU.

Wir können wie gewohnt ohne Probleme die Grenze überqueren und fahren voller Vorfreude auf unser achtes Land mit Schwung noch knapp eine Stunde bis zur Mittagspause. Auf dem Weg kommen wir selbst in kleinen Ortschaften an offenen Läden vorbei und fragen uns, ob es wirklich nötig war so viel Essen aus Serbien zu importieren. Doch ärgern darüber tun wir uns auf keinen Fall, denn wir haben mal wieder viele Leckereien in der Bäckerei gekauft. Auf einer leeren Bank vor einem geschlossenen kleinen Supermarkt suchen wir Zuflucht vor dem Wind und packen unser Festmahl aus. Nach einer Weile gesellt sich ein alter Mann zu uns, der uns anfangs noch interessiert auf kroatisch ausfragt. Doch da wir leider genauso wenig verstehen wie bei der Frau heute morgen, bleibt uns nur freundliches zuhören. Wir schlagen uns genüsslich weiter unsere Mägen voll während der Mann neben uns auf der Bank eine Zigarette nach der anderen raucht und zwischendurch stark hustend einen Schluck vom selbstgebrannten Schnaps nimmt.

Unsere klassische Stärkung in der Mittagspause, Brot mit Käse und Rohkost.
Mit langer Hose und drei Jacken lassen wir uns immer noch leicht fröstelnd auf der Bank nieder.

Nach einer Stunde essen unserer gesamten in Serbien gekauften Vorräte sind wir so randvoll, dass wir am liebsten erst ein Verdauungsschlaf einlegen würden. Doch das frische Wetter und der nicht weichend wollende Mann drängen uns zu Weiterfahrt. Wir kommen gut voran, das Essen hat neben einem schweren Bauch einen angenehmen Energieboost hinterlassen. Nach 20 km kommen wir in die 30.000 Einwohner Stadt Vinkovci, wo wir einmal mehr erstaunt über die weitreichenden deutschen Einflüsse erst in einem DM und dann in einem Lidl fürs Abendessen einkaufen.

Unterwegs gilt es eine Bahnstrecke zu überqueren, dessen Bahnübergang still gelegt wurde. Doch bei den hier sehr langsam fahrenden Zügen und der guten Sicht haben wir keine Bedenken und hiefen die Räder etwas mühselig über die Schienen.

Noch gut eine Stunde fahren wir, um unser angepeiltes Tagesziel von 90 km zu erreichen. In dem ebenfalls sehr lang gestreckten Ort Stari Mikanovci schauen wir uns schließlich nach einer geeigneten Stelle zum zelten um und werden zwischen zwei Häusern unter Bäumen fündig. Allerdings wollen wir zunächst noch die Nachbarn fragen, ob sie etwas gegen unseren Nächtigungsplatz haben. Wir klingeln bei einem der beiden Häuser und eine alte Frau kommt heraus. Als wir sie auf Englisch ansprechen, winkt sie gleich ab und führt uns zu dem anderen Nachbarhaus. Dort werden wir von einer Familie mit drei Generationen begrüßt, und mit der 2. Generation können wir uns in gebrochenem Deutsch verständigen. Wie wir später erfahren wird hier in vielen Grundschulen noch als erste Fremdsprachen Deutsch gelehrt, zurückzuführen auf die kommunistische Vergangenheit des Landes.
Nachdem wir uns kurz ausgetauscht haben und ein okay für die schöne Wiese zum zelten bekommen haben wollen wir uns gerade zum gehen abwenden, als wir gefragt werden ob wir nicht etwas trinken wollen. Wir sagen dankend zu und verbringen so die Abendstunden bei dieser überaus netten und interessierten Familie. Auf den ersten Willkommensdrink folgt ein Kaffee und frische Kirschen aus dem Garten. Danach wird der Aufenthaltsort nach drinnen verlagert und es gibt warmes Abendessen zusammen mit den zwei und fünf Jahre alten sehr energiegeladenen Kindern der Familie.

Leckeres Abendessen mit der Schwiegertochter des Hauses.

Wir unterhalten uns noch eine ganze Weile über die uns fremden Traditionen dieser Region Kroatiens und bekommen ein paar Lieder auf einem Tamburica (ein für Kroatien typisches Zupfinstrument) vorgespielt und zum Abschied wird uns zu allem Überfluss auch noch eine CD des ortsansäßigen traditionellen Musikvereins geschenkt. Da es mittlerweile schon spät geworden ist, verabschieden wir uns vermeintlich vorerst und werden noch zum Frühstück am nächsten Morgen eingeladen.

Ein bestens geeigneter Campingplatz geschützt unter Bäumen direkt neben dem Haus der netten Familie.

Nachdem unser ziemlich nasses Zelt aufgebaut ist kommt Leon auf die grandiose Idee unsere EU-Rouming inklusiven Verträge mal auszunutzen und zu Hause einen Überraschungsanruf zu machen. Wir haben beide Glück und bekommen bei bestem Empfang bekannte Stimmen auf dem Handy zu hören. Eine knappe Stunde telefonieren wir so, überglücklich darüber sich nach langer Zeit mal wieder mit vertrauten Menschen ungestört länger unterhalten zu können. Als wir dann beide das immer noch nasse Zelt beziehen wollen kommt ein Teil der Familie von vorhin mit Taschenlampen vorbei, um sich unser Nachtlager anzuschauen. Mitleidig wegen der nassen Behausung bieten sie uns an, dass wir es uns doch bei ihnen in der Gerage gemütlich machen können. Diesen Vorschlag finden auch wir nicht schlecht und schieben die Räder wieder zurück zum Haus, lediglich das Zelt lassen wir zum trocknen über Nacht stehen. Die Garage entpuppt sich als ein noch nicht ganz fertig gestellter Anbau des Hauses, in dem diverse Dinge unter anderem auch Fahrräder abgestellt sind. Mit einem Glücksgefühl im Bauch mal wieder auf so gastfreundliche Menschen gestoßen zu sein, breiten wir unsere Isomatten aus und sind auch schon bald im Schlaf versunken.

MittwochIn der Garage ließ es sich gut schlafen! Nachdem wir uns wieder einigermaßen sortiert haben, bauen wir das Zelt ab, das zum ersten Mal seit einer Woche wieder komplett trocken ist! Zudem haben sich die Wolken verzogen und es sieht nach allerbestem Wetter aus, was Vincent schon prophezeiht hat („In Kroatien ist das Wetter immer gut..“). 

Der Spot für die Nacht… alles ist wieder trocken!
Der Morgen ist noch etwas frisch, doch jetzt schon ist die Sonne zu sehen!

Die Familie, in deren Garage wir geschlafen haben, bietet uns ein sehr üppiges Frühstück an, mit gekochten Eiern der eigenen Hühner, Brot, Rohkost und allem drum und dran. Mit unverschämt guter Laune, die uns den ganzen Tag begleitet, können wir heute losfahren. Danke für so viele tolle Menschen!

Stari (Alt) Mikanovci, einer der schönen Orte, der uns in Erinnerung bleiben wird.

Durch viele langgestreckte Orte, ähnlich denen vor der Grenze, fahren wir den ganzen Vormittag. Die Fassaden der Häuser sind zwar nicht mehr ganz so schick, doch die Gärten sind dafür deutlich schöner. Zwischen den Ortschaften sind nicht mehr nur Felder, sondern auch viele (kleine) Waldflächen, die uns den Wind abhalten. In strahlendem Sonnenschein, mit Ausblick auf kleine Hügel und Felder, fährt es sich wesentlich angenehmer! Wir merken so richtig, wie die zunehmend drückende Stimmung der letzten Tage von uns abfällt.

Auf einer Brücke, die über die Autobahn führt, kommen uns zwei Argentinier entgegen, die ebenfalls auf dem Rad unterwegs sind. In Zagreb gestartet, wollen sie über Belgrad, Sarajevo und Tirana auch nach Athen fahren. Lustig, denn die beiden Österreicher hatten das gleiche Ziel 😉 .

In so gut wie jedem Garten steht eines dieser Türmchen, bei denen es sich um Räucherkammern handelt. Traditionell werden hier Schweine geschlachtet und für das ganze Jahr haltbar gemacht. Wieder einmal ist die einheimische Küche sehr fleischlastig, was für uns jedoch kein großes Problem darstellt. Vegetarische Kost ist überall aufzutreiben.

Geradezu bergig wird es! Von so viel plattem Land sind wir sehr verwöhnt, weshalb wir bei einem 30-Meter-Anstieg schon ins Schnaufen kommen.

Es radelt sich beschwingt bis zum Mittag. Früher als sonst erreichen wir den Ort unserer Pause. In Slavonski Brod finden wir eine sonnige Bank in einem Stadtpark. Während wir da sitzen und Energie tanken, kommen eine Menge Leute vorbei. Drei ältere Herren sprechen deutsch, einer jüngerer englisch. Viele alte Leute haben lange in Deutschland gearbeitet und bekommen sogar eine deutsche Rente, von der sie hier sehr gut leben können. Einer der Männer gibt uns den Tipp, bei einer Kirche zu fragen, ob man dort das Zelt aufschlagen kann. Darauf sind wir bisher noch nicht gekommen.. Im Nachhinein leuchtet uns das jedoch ein.

In einem Café dehnen wir unsere Pause noch ziemlich aus. Genug Zeit zum verdauen diesmal.. Die Besitzerin des Cafés ist sehr interessiert an unserer Radtour und meint, dass nicht viele Touristen den Weg hierher finden, da sich alles in der Küstenregion ballt (von der Kroatien wirklich viel hat).


Sehr spät und gut ausgeruht steigen wir wieder auf die Räder. Während wir einen Fotostop einlegen, werden wir von einer Gruppe von Rennradfahrern überholt, die uns anfixt, ein bisschen zu heizen. Diese Rennradler fahren zunächst sehr gemütlich (wie es scheint), sodass wir lange in Sichtweite bleiben. Jedoch haben sie keine 50 Kilo Gepäck, weshalb wir es selbst mit 40 Sachen nicht schaffen, sie zur Gänze einzuholen. Nach fast 30 Kilometern, die wir in einer Stunde gefahren sind, geben wir es auf und halten stattdessen Ausschau nach einer Kirche, wo wir dem Tipp von heute Mittag folgen wollen.


In Nova Kapela halten wir schließlich an, wo eine sehr schöne katholische Kirche steht, die von einer herrlichen ebenen Wiese umgeben ist. Perfekt zum Campen, was uns auf Nachfrage beim Pastor auch gestattet wird. Obendrein werden wir auch zum abendlichen Gottesdienst eingeladen, der wenig später stattfindet. Das lassen wir uns natürlich nicht entgehen! An Ostern in Tirana hatten wir uns eigentlich schon vorgenommen, in einen Gottesdienst zu gehen, was aber nicht mehr geklappt hatte. Es ist eine ganz neue Erfahrung, denn wir verstehen kein Wort! Erst als uns der Pastor auf deutsch in der Kirche und in Kroatien willkommen heißt, können wir freudig etwas erwidern. Trotz allem ist es schön, dem kroatischen Gesang und Gebet bloß zuzuhören.
Nachdem wir die Kirche wieder verlassen haben, werden wir sehr energisch von einer Frau zu sich nach Hause eingeladen, wo wir von ihrer Familie zum Essen eingeladen werden (zwar bestellen wir Pizza, jedoch ist das trotzdem super nett!). Ana, die Tochter, spricht gutes Englisch, weshalb wir uns sehr nett unterhalten können. Es ist ein lustiger Abend und wir gehen müde zu unserem Zelt zurück, wo wir alle unsere Sachen zum ersten Mal für längere Zeit unbeaufsichtigt gelassen haben (alles im Zelt verstaut).