Beflügelt von Land, Leuten und Wetter nach Zagreb #Tag 34 & 35

Seit wir im Flachland unterwegs sind, begegnen uns seit Belgrad erstaunlich viele Einheimische mit dem Fahrrad. Was uns Anfangs noch verwunderte ist ganz einfach damit zu erklären, dass wohl die meisten Menschen auch ohne Gepäck Anstiege mit dem Rad eher meiden. Das gleiche Phänomen, wie man es wohl an vielen Orten der Welt beobachten kann. Auf der Ebene radelt es sich einfach mit weniger Anstrengung und macht es so für eine breite Masse der Bevölkerung zu einem attraktivem Fortbewegungsmittel. Die Gründe dafür sind so vielschichtig, dass man darüber wohl einen eigenen Blogeintrag verfassen könnte, also lassen wir es an dieser Stelle fürs Erste dabei…

Donnerstag: Wie am Abend zuvor von Ana angekündigt, werden wir um Punkt sechs Uhr von den Kirchenglocken direkt über uns etwas unsanft aus dem Schlaf gerissen. Doch das macht nichts, denn viel länger hätten wir vermutlich ohnehin nicht geschlafen. Etwas müde vom ungewohnt späten Abend gestern, packen wir unser leicht feuchtes Zelt ein. Wir überlegen kurz, ob wir der am Abend ausgesprochenen Einladung auf ein Frühstück bei Ana und ihren Eltern nachkommen sollen, entscheiden uns aber aufgrund der noch großen eigenen Vorräte dagegen. Auch wenn uns die Entscheidung nicht leicht fällt, wird uns doch deutlich, in welch einer Luxussituation wir uns einmal mehr befinden, sich zwischen zwei Frühstücksumgebungen entscheiden zu müssen.

Der einmalige Campingspot im Licht der warmen Morgensonne, im Hintergrund ist das Pfarrhaus sowie ein kleines Kloster inklusive Altersheim zu sehen.

An den ersten Supermärkten fahren wir bewusst vorbei, um nicht doch noch eine Begegnung mit bekannten Gesichtern und der Versuchung einer Einladung zum Frühstück zu entgehen. Nach fünf Kilometern stoppen wir dann aber doch und Leon holt den üblichen Liter Joghurt für unseren Fruchtcocktail. Als Leon wieder herauskommt, unterhält sich Vincent mit einem älteren Herrn, der einige Jahre in Düssseldorf gearbeitet hat. Ein weiteres Mal verdutzt von den vielen Kroaten, die schon in Deutschland gearbeitet haben, lassen wir uns unweit vom Supermarkt auf einer Bank zum Frühstück nieder.

Das Repatoire unserer Frühstücksorte wird um ein neuen erweitert, ein Spielplatz 😀

Nach einem sonnigen Frühstück und zufrieden gestellten Mägen schwingen wir uns wieder in den Sattel. Wir fahren nun schon seit einigen Tagen auf der sogenannten Ruta Sava, welche eine ausgeschilderte Fahrradroute entlang des Flusses Save (Sava) darstellt. Zwar führt die Route fast gänzlich auf der Landstraße entlang, doch diese ist sehr angenehm wenig befahren und so genießen wir bei wieder super Wetter die Landschaft sowie die vielen grüßenden Passanten.

Wir fahren seit Belgrad fast durchgehend auf der „Ruta Sava“, welche zu großen Teile ein wenig befahrene Landstraße ist.

Vincent erinnert sich plötzlich wieder an die Worte von Ana am Vorabend, es würde auf der heutigen Strecke viele zerstörte Orte sowie Einschusslöcher in Hausfassaden geben. Diese sind ein trauriges Überbleibsel des Krieges gegen Serbien von 1991 bis 1995. Kaum hat Vincent seine Gedanken ausgesprochen,  kommen wir auch schon in den ersten Ort, wo so ziemlich jedes Haus kaum älter als 20 Jahre zu sein scheint. Zwischendrin stehen immer mal wieder halb zerfallene Häuser mit erschreckend vielen Einschusslöchern. Wir sind beide etwas erstaunt von der großen Zerstörung des Krieges, denn wir hatten nach dem Kosovo keine größeren Zerstörungsanzeichen mehr erwartet. 

Während Leon ein Foto von einem auffallend schönem Haus mit liebevoll eingerichteten Garten macht, kommt ein Mann an den Gartenzaun. Er stellt sich uns mit wenige Fetzen Deutsch als George vor und lädt uns zunächst ein, unsere Wasservorräte an seinem Brunnen aufzufrischen. Als wir uns wieder verabschieden wollen, kommt seine Frau Melina mit einem Teller voller selbstgebackener Gebäckköstlichkeiten aus dem Haus. Wir ahnen schon, was das bedeutet und begeben uns beglückt, abermals auf so herzliche Menschen gestoßen zu sein, auf die gemütliche Terrasse.

George, Melina und Vincent vor deren stilvoll eingerichteten Grundstück.

Während wir uns mit süßen Leckereien den Magen voll schlagen, erzählt uns George mit englischen & deutschen Wortfetzen einiges über seinen Garten und klärt uns stolz auf, dass er sein Haus nach dem Krieg selbst gebaut habe. Nachdem wir von Melina noch österreichischen Cappuchino serviert bekommen haben, machen wir uns wieder auf dem Weg, mit einem unübersehbarem Strahlen im Gesicht. Wir hatten bisjetzt nach jeder solcher Begegnungen ein Gefühl, dass diese einmalig war, doch in Kroatien scheint dies nicht zu gelten. Hier gibt es viele dieser einmalig herzlichen & gastfreundlichen Menschen.

Eine absolute Schande, diese Kirche wurde während dem Krieg stark zerstört.

Unsere Strecke führt uns weiter durch ehemahls zerstörten Ortschaften. Doch zum Glück ist hier wieder viel Leben eingekehrt, die Menschen arbeiten und leben hier wie in anderen Orten auch. Der Anblick scheint uns dennoch ein wenig paradox, zum einen das blühende Leben zu sehen und direkt daneben noch deutlich sichtbare Spuren des Krieges zu entdecken.
Foto Mittagspause 

Nach knapp 60 Tageskilometern kommen wir in Novska an, wo wir einen Mittagsstop einlegen. Erst wird richtig geschlemmt, mit mächtigen aber super leckerem Burek aus der Bäckerei und dann ist Entspannung angesagt. Nach einer kleinen sehr angenehmen Erfrischung in einem vermeintlichen Wassertretbecken, welches sich als Brunnen entpuppt, setzen wir uns in ein nahgelegenes Cafe, um am Blog zu schreiben.

Vincent kann einer kleinen Erfrischung im Becken eines Brunnen bei sommerlichen Temperaturen nicht widerstehen.

Die Zeit vergeht wie im Flug und um fünf stellen wir etwas erschrocken fest, dass wir mal weiter fahren sollten. Schnell wird der fertige neue Blogeintrag noch hochgeladen und schon sitzen wir auf den Rädern. Es sind noch 26 km bis nach Kutina, wo uns der erste warmshowers Gastgeber unserer Reise erwartet. Warmshowers ist eine Internetplattform für Radreisende, wo man Gastgeber finden kann, die einem ein Platz zum schlafen und auf jeden Fall eine warme Dusche anbieten. Mit einem ähnlichen Energieboost wie am Vortag, fahren wir die Strecke in einer knappen Stunde und stellen dabei erfreut fest, welch einen netten Trainigseffekt die letzten Wochen doch hinterlassen haben.

Während wir auf dem Lidl Parkplatz auf unseren warmshowers-host warten vernichten wir noch die letzten Essensreste 🙂

Angekommen in Kutina fahren wir zum vereinbarten Treffpunkt, einem Lidl-Parkplatz, wo uns unser Gastgeber Lukica abholen will. Nach einem kurzen Anruf ist er eine viertel Stunde später auch schon da und begrüßt uns, selbstverständlich mit dem Rad. Wir folgen ihm durch die kleine Stadt, den Berg hinauf zu seinem Elternhaus, wo er im oberen Stockwerk sein eigenes Reich hat. Dort beziehen wir sein Zimmer, welches er großzügigerweise für uns freigeräumt hat, er schläft stattdessen auf der Couch. Die erste Dusche seit Belgrad tut wirklich gut und wir fühlen uns sauberer denn je. Zum Abendessen hat die Mutter von Lukica Nudeln gekocht, welche wir mit selbstgemachtem Tomatenketchup genießen. Lukica erzählt uns viel vom Kroatienkrieg gegen Serbien und wir hören gespannt zu. Doch lange hält es uns nicht mehr am Tisch, wir sind beide einfach zu müde. Dankend verabschieden wir uns von Lukica, der morgen schon früh aus dem Haus zu Arbeit muss und fallen ins Bett.

Freitag: Die erste Nacht bei einem warmshowers-Host war eine neue Erfahrung auf der Tour. Das Gefühl dabei ist ein ganz anderes, als wenn man von einer Familie einfach so eingeladen wird. Zwar ist das so herzlich und super nett, aber man steht dann im Mittelpunkt von allem, was hier in Kroatien normal sein mag (oder in Albanien, im Kosovo und eigentlich überall auf unserer Reise), für uns jedoch neu ist. Wenn man hingegen bei anderen Radfahrern unter kommt, erzählt man zwar auch sehr viel und gerne, hat jedoch auch noch Zeit für sich.

Wir stehen auf, packen alles zusammen, hinterlassen noch eine Nachricht zum Dank, die Lukica später finden wird und geben den Haustürschlüssel bei seinen Eltern ab. Sehr schön war es hier, mit viel selbst angebautem Gemüse im Garten und einem großen Gartenteich mit Fischen.

Leider haben wir ein Foto von Innen vergessen, hier das Haus von Lukica von Außen.

Ein Stück durch den Ort fahren wir noch und kaufen unser Müsli-Frühstück ein. In der Sonne, die bereits warm genug für kurze Sachen ist, genießen wir den Morgen. Eine Frau hört uns deutsch sprechen und erzählt uns sogleich, dass sie lange in Deutschland gelebt hat. Sie hätte uns auch zu sich nach Hause eingeladen, zum Essen und Schlafen, doch wir sind schon am frühstücken und wollen heute weiter fahren, weshalb wir dankend ablehnen müssen…

Frühstück im strahlenden Sonnenschein.

Es wird ein sehr warmer Tag werden. Unsere heutige Etappe bis Zagreb startet genau wie die letzten Tage sehr beschwingt. Durch eine sehr schöne Wald- und Wiesenlandschaft fahren wir den ganzen Vormittag dahin. Ab und an haben wir jetzt sogar richtige Hügel auf der Strecke! Während wir einen dieser Hügel hinaufschnaufen, überholt uns in sehr gemächlichem Tempo ein Traktor, der einen Anhänger mit Schweinemist transportiert. Leon fasst sich ein Herz und hält sich kurzerhand am Anhänger fest. Der Fahrer nimmt das mit einem Lachen hin und so wird das (leider nur für Leon) die entspannteste Auffahrt. „Das wollte ich die ganze Zeit schon machen!“, ist sein Kommentar danach. Schon mehrere Male hat sich uns eine solche Gelegenheit ergeben.

Noch ahnt Leon nichts von seinem Glück, im Hintergrund kommt der Traktor angefahren. Guter Laune ist er trotzdem schon 😀

Gegen Mittag erreichen wir Ivanić Grad, ein Zehntausend-Einwohner-Ort, wo wir erneut an einer Kirche halt machen und rasten. Während wir zur Abwechslung mal wieder am Essen sind, kommt ein Mann vorbei, der sehr begeistert von unserer Tour ist. Er selbst möchte bald eine eigene Tour machen. Nachdem er kurz verschwunden ist, kommt er mit zwei Kulis aus einem Touribüro wieder und meint, dass er uns unbedingt etwas mitgeben möchte. Sehr erfreut von der netten Geste, verabschieden wir uns voneinander. Während sich Vincent mit dem Blog auseinandersetzt, schlägt Leon sein Buch auf, was mit der Zeit nach gaaaanz unten in seine Packtasche gerutscht ist (wie gesagt ist die Zeit zum Lesen bisher nicht wirklich da gewesen). 

Mittagspause im Grünen vor einer schönen Kirche, die aber leider nur Sonntags geöffnet ist.

Als wir nach der Pause aufbrechen wollen, denken wir nochmal an die lustige Begegnung eben und prompt taucht der Mann nochmal auf! 😀 Er ist anscheinend öfter hier unterwegs.

Wir fahren aus dem Ort und jetzt begegnet uns die erste der Tiefpumpen, die uns die Österreicher vor ein paar Tagen zu Hauf angekündigt hatten. Was genau die Pumpen hier an dieser Stelle zu Tage befördern, wissen wir noch nicht. Bisher waren wir von Erdöl ausgegangen, doch werden damit auch Sole und andere Flüssigkeiten aus dem Untergrund gefördert.

Wie wir heute von unserem Gastgeber in Zagreb erfahren haben werden diese Aparaturen in Kroatien zur Erdgas-Gewinnung genutzt.

Nachdem wir ein Stück aus der Stadt gefahren sind, begegnen uns noch mehr dieser Pumpen, bei denen wir wie hypnotisiert stehen bleiben. Weiter geht es unweit der Autobahn entlang, die wir das eine oder andere Mal kreuzen. Wir sehen sogar einen Storch… fast nur einen… in jedem Dorf. Diese sind wirklich wunderschön!

Ein Storch und eine Kirche im Einklang.

Nicht mehr lange und wir erreichen Zagreb, die Hauptstadt Kroatiens! Unsere zweite warmshowers Unterkunft wartet hier auf uns, wo wir zwei Nächte verbringen werden. Zwar liegt sie nicht ganz im Zentrum der Stadt, doch es gibt gute Bus- und Bahnverbindungen, weshalb das kein Problem ist (die Räder lassen wir dann faul stehen, weil wir sie nicht mitten in der Stadt anschließen wollen…). Nach einigem rumgegurke finden wir das Haus von Vedran, der schon ein Essen für uns vorbereitet hat! Seit ein paar Tagen schon haben wir Gemüse und Bulgur für ein leckeres Abendessen dabei, doch da wir immer zum Essen eingeladen wurden, konnten wir es noch nicht verarbeiten.

Nach 5 Etappen haben wir uns einen Pausentag in Zagreb verdient.

Nachdem wir geduscht und gegessen haben, fahren wir mit Vedran zu einem Bergsteigertreff, der sich jede Woche zu einem Feierabendbier und ein wenig Planung in einem kleinen Raum nahe der Innenstadt trifft. Freudig werden wir aufgenommen und unterhalten uns eine Weile mit den Leuten, doch merken wir beide, wie müde wir vom Tag sind. Deshalb verabschieden wir uns schon früher, laufen zurück und fallen schnell ins Bett.

Wir mussten dem Spruch „It smells like fresh roses here“ mal auf den Grund gehen 😀
Das gesellige Treffen des Mountaineering Clubs mit unserem Host Vedran.

2 Gedanken zu “Beflügelt von Land, Leuten und Wetter nach Zagreb #Tag 34 & 35

  1. Daniel

    Hallo Vincent & Leon

    Die spontane Gastfreundschaft die ihr immer wieder aufs Neue erfahrt ist wirklich schön und eine der ‚Essenzen‘ des Reisens. Ich habe mich da schon des öfteren gefragt ob ich -respektive die Deutschen im Allgemeinen- auch diese unvoreingenomme & Herzlichkeit / Neugierde habe(n)? … Denkstoff! 😉
    Weiterhin viel Freude beim RadelEssenSchlafenRadelnEssenSchlafen … isses nicht schön, wenn sich das Leben auf Wesentliches reduziert ? … 🙂

    Ride on
    Daniel

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