Alles was bergauf geht, geht auch wieder bergab! #Tag 23 und 24

Sonntag: Alle Fenster sind beschlagen, als wir aufwachen. Kein Wunder bei so vielen nassen Klamotten. Der größte Teil der Sachen ist gut getrocknet, nur eine Jacke von Vincent und dummerweise auch unsere Schuhe müssen wir noch klamm anziehen.

Bei der etwas verdutzten Hoteldame kaufen wir einen Liter Milch für unser Müsli, denn auf das standardmäßige Omelett haben wir keine Lust mehr. Bis nach 10 Uhr dauert es, bis alles wieder zusammen gepackt ist – immer wieder stellen wir mit erstaunen fest, wie viel doch in unsere Taschen passt. Für heute steht der zweite Teil des Anstiegs auf den höchsten Pass unserer Tour an. Immerhin noch gut 600 Höhenmeter – eigentlich ein Klacks. 

Wir befinden uns mitten in einem Skigebiet, das anscheinend in der Saison gut besucht ist. Bei dem recht steilen Anstieg kreuzen wir immer wieder einen Skilift, der aus dem dichten Nebel auftaucht. Es ist wieder so ein Wetter, bei dem man nicht weiß, was man anziehen soll. Je höher wir fahren, desto mehr Schnee ist zu sehen. Ein Wunder, dass überhaupt noch welcher liegt, nach so viel Regen am Vortag, denn als Neuschnee wird das gestern sicher nicht heruntergefallen sein.

Durch den Nebel ist selten mehr als 30 Meter Sicht. Darum ist es auch nicht der größte Triumph, als wir unseren Spitzenwert von 1965 Metern erreichen. Doch nachdem wir kurze Zeit verweilt haben, unter anderem um sämtliche Jacken anzuziehen, die das Inventar so hergibt, lichtet sich stellenweise der Nebel und wir blicken auf eine dichte weiße Decke, auf der wir jetzt zu stehen scheinen.


Alles was hinauf geht, geht auch wieder hinunter! Unser Motto, wenn man gerade etwas demotiviert den zigsten Kilometer bergauf fährt. Und wie es wieder hinunter geht. Am Ende des Tages wollen wir wieder auf ca. 450 Metern über NN sein. Nach kurzer Strecke machen wir allerdings Rast um unseren Energiehaushalt aufzufrischen. Es ist allerdings so kalt, dass wir selbst mit Trikot, Thermoshirt und drei Jacken noch immer auf und ab hüpfen müssen, damit wir nicht frieren. Was sehnen wir uns jetzt das Wetter aus Griechenland herbei! Vincent meint: „Da lernt man das gute Wetter erst richtig zu schätzen, wenn man erstmal das schlechte hatte.“ Vermutlich sind wir viel zu verwöhnt mit gerademal zwei Regentagen.


Kurz darauf kommen wir zu einer Schlucht, bei der wir beide finden, dass eine Brücke jetzt angebracht wäre. Wir müssen nämlich auf die andere Seite… Und bleibt nichts anderes übrig, als die Straße in steilen Serpentinen runter und genauso steil wieder hinauf zu fahren.. (man denke sich jetzt unser Motto hinzu) 

Belohnt werden wir mit einer großartigen Hochebene. Grasbewachsene Hügel mit hervorschauenden Felsen. Die perfekte Strecke, um genauestens auszutesten, wie man am Besten seinen Schwung einsetzt und wann geschaltet werden muss. Das ist mit unserem bewärten Antrieb von Rohloff ein ganz besonderes Vergnügen, da   wir mit ihm problemlos mehrere Gänge auf einmal runter schalten können.


Anfangs macht das noch Spaß, doch es zieht sich noch etliche Kilometer hin, bis wir ziemlich ausgelaugt unsere finale Abfahrt erreichen. Auf einmal fahren wir zwischen zwei hohen Hügeln hindurch und es bietet sich uns ein beeindruckender Blick über einen Canyon. Mit Freude begrüßen wir unsere Freundin Tara zurück! 

Es geht in rasantem Tempo immer abwärts durch viel Grün, bis wir an einer Schranke ankommen. Zunächst fragen wir uns, wofür die gut sein soll, doch dann stellen wir fest, dass wir uns mitten in der Transitzone zwischen Montenegro und Bosnien befinden. Ein Stück höher müssen wir uns erst einen Stempel in den Reisepass abholen, bis es weiter hinab direkt an den Fluss und hinüber nach Bonien und Herzegowina geht – das sechste Land!

Über den Tara-Fluss geht es nach Bosnien und Herzegowina hinüber.
An der bosnischen Grenze begegnen wir den bisher unfreundlichsten Grenzbeamten. „No photo!“ wird uns zugerufen, doch da hat Vincent schon längst eins geknipst. Was ist auch schon dabei, ein Schild zu fotografieren, das uns im neuen Land willkommen heißt?

Von hier aus schaffen wir es nicht mehr weit. Kurz hinter der Grenze finden wir ein Rafting-Camp, wo wir für 5€ unser Zelt aufstellen können. Die Raftingsaison hat gerade begonnen und dieser Fluss sieht mehr als einladend dafür aus! Leon würde am liebsten direkt in ein Boot hüpfen, doch das wäre dann zu viel des Guten. Also setzen wir uns in das rustikal eingerichtete Restaurant des Hüttendorfes und bestellen ein leckeres, wenn auch ein wenig mageres Abendessen. An einem Lagerfeuer mitten im Raum sitzen ein paar andere Gäste und wärmen sich auf.

Unser Beschützer für die Nacht im Raftingcamp.

Montag: Da wir uns am letzten Abend früh schlafen gelegt haben, wachen wir beide früh morgens um kurz nach 6 auf und packen routiniert alle unsere Sachen. Ein schönes Gefühl, nach einer Nacht im Zelt wieder alles am Rad verstaut zu haben und unbeschwert weiter fahren zu können. Das ist für uns das Freiheitsgefühlt, was eine Radtour ausmacht. Einfach alles was man zum Leben braucht dabei zu haben und sich unabhängig bewegen zu können. Heute haben wir uns vorgenommen, bis nach Sarajewo, der Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas zu fahren. Unser GPS hat uns 90 km und 1700 hm prophezeiht, also machen wir uns zeitig los. Um halb acht sitzen wir, leider noch ohne Frühstück, auf den Rädern und fahren weiter noch talabwärts entlang am schönen Fluss Tara, Leons großer Liebe.

Der Nebel verzieht sich langsam über dem Fluss.

Auf der Karte sehen wir den ersten größeren Ort kommen, dort hoffen wir einen Supermarkt fürs Frühstück plündern zu können. Nach gut 20 km sind wir in der kleinen Stadt Foča angekommen und halten vergebens Ausschau nach einem offenen Supermarkt. Denn was wir völlig vergessen haben, heute ist der 1. Mai! Nach den ganz normal geöffneten Läden in Albanien an Ostern haben wir absolut nicht damit gerechnet, dass hier am Tag der Arbeit etwas geschlossen sein könnte. Doch anscheinend wird dieser Tag hier auch groß gefeiert, wir stoßen nur auf Leute die mit den Schultern zuckend „holiday“ von sich geben. So bleibt uns nichts anderes übrig als bei einer Tankstelle nach etwas Essbarem zu suchen. Doch dort finden wir nur Kleinigkeiten von denen unsere inzwischen lautstark knurrenden Mägen nicht zufrieden gestellt werden. So beschließen wir auf der kleinen Terrasse neben der Tankstelle unsere zum Glück noch vorhandene Notration Nudeln zu kochen. Leon verkündet feierlich, „hiermit eröffenen wir den Verkehrt-herum-Tag“ und meint damit das deftige Frühstück.

Gestärkt und voller Vorfreude auf den Anstieg in kurzem Trikot und Hose machen wir uns wieder auf die Straße. Wir folgen nun wieder einem Fluss (nicht mehr Tara), allerdings diesmal flussaufwärts. So fahren wir nun gute 30 km mit leichter Steigung eine durchaus beeidruckende Felsenlandschaft immer weiter nach oben.

Ob es am guten Frühstück liegt oder daran, dass wir beide unsere normalerweise 3 Liter Wasservorrat pro Person auf die Hälfte wegen des langen Anstiegs reduziert haben, bleibt ein Rätsel. Doch es fährt sich heute, obwohl wir den vierten Tag in Folge nach drei anstrengenden Bergetappen im Sattel sitzen, erstaunlich leicht und wir sind beide bester Laune. Vermutlich leistet das gute Wetter auch einen nicht unerheblichen Beitrag, 25°C und Sonnenschein, besseres Radfahrwetter gibt es kaum.

Anscheinend ist heute unser Glückstag, denn die 1700 hm erweißen sich als sehr großzügig vorhergesagt von unserem GPS. Durch einige Tunnel können wir uns viele Höhenmeter ersparen und unser Track will uns bei einem der Tunnel doch tatsächlich lieber über einen Berg 200 hm aufwärts führen. Dort ist aber noch nicht einmal ein Weg zu sehen, so folgen wir danked weiter der Bundesstraße. Wobei Bundesstraße auch ein großes Wort für diesen recht wenig befahrenen sich durch die Berge schlängelde Asphalt ist.

Auf dem Weg fallen uns immer wieder Schilder auf, die an den Auffangnetzen der Felsen angebracht sind. Diese weißen darauf hin, dass diese von der EU in Zusammenarbeit mit Bosnien-Herzegowina finanziert wurden. Anscheinend gibt sich die EU auch in diesem Land Mühe, einem Beitrittskanidat die Vorzüge der EU schmackhaft zu machen.

Nach gut 60 Tageskilometern haben wir dann endlich den höchsten Punkt unserer Etappe erreicht und rollen erleichtert bis zum nächsten Ort runter. Dort hat zum Glück auch gleich der erstebeste Supermarkt an dem wir vorbei kommen geöffnet und wir decken uns großzügig für ein üppiges Mittagsmahl ein. Anscheinend ist der 1. Mai hier nur ein halber Feiertag, denn später sehen wir noch andere geöffente Läden.

Passhöhe erreicht 😀
Nach einer Stunde essen und entspannen fahren wir weiter den Berg runter. Es ist schon so angenehm warm, dass wir genüsslich selbst bergab im kurzen Trikot fahren, das hatten wir seit Griechenland nicht mehr! Die Strecke verläuft wieder an einem malerischen Fluss entlang und wir bemerken kaum, wie schnell wir vorankommen.

Mittagspause in der Sonne direkt neben einem Wasserhahn, was ein Glück!

Schon seit heute morgen fallen uns immer wieder serbische Flaggen auf Straßenschildern und an anderen Orten auf, wir rätseln ob Serbien wohl auch Anspruch auf einen Teil Bosnien-Herzegowinas erhebt. Oder vielleicht sind die vielen hier lebenden Serben einfach stolz auf ihre Herkunft.

Eine serbische Flagge direkt an der Straße kurz vor Sarajewo.

Nach über 100 km erreichen wir schließlich gegen 6 Uhr Abends die sehr schön gelegene Stadt Sarajewo. Wir haben uns zuvor ein Hostel von einem Flyer aus Skopje herrausgesucht, doch dieses scheint gerade wegen Renovierungsarbeiten geschlossen zu sein. Doch keine 50 m weiter finden wir eine günstige Pension, in der wir das gesamte untere Stockwerk für uns beziehen können. Bestens geeigent zum Wäsche waschen, trocknen und neu sortieren. Die Lage der Wohnung könnte besser kaum sein, ca. 100 m neben dem Rathaus und ebenfalls neben der Fußgängerzone, wo wir glücklicherweise noch einen offenen Laden finden und einkaufen. Um den „Verkehrt-herum-Tag“ vollständig zu machen gibt es heute zum Abschluss des Tages Apfel-pancakes.

4 Gedanken zu “Alles was bergauf geht, geht auch wieder bergab! #Tag 23 und 24

  1. Pit

    Hallo Vincent!
    Habe von deinem Vater den Link zu eurem Blog bekommen. Habe jetzt alle Einträge gelesen und bin total begeistert. Tolle Reise. Ihr habt es gut. 😉
    Weiterhin eine gute Reise.
    Liebe Grüße
    Pit

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