Vom ersten Sturz und viel Regen #Tag 20,21 & 22

Donnerstag: Leon hatte am Vorabend beschlossen, spontan am nächsten Morgen je nach seinem Gesundheitszustand zu entscheiden, ob wir weiterfahren, oder einen Pausentag einlegen. So wacht er nun im Zimmer des Motels auf. Einige seiner ersten Worte sind: „Lass uns noch eine Nacht länger hier bleiben.“ Gesagt, getan. Beim Frühstück aus Omelette, welches wir auf der Radtour schon überdurchschnittlich oft gegessen haben, verlängern wir um eine Nacht.

Leon nutzt den Tag zum erholen und Kräfte sammeln, während Vincent sich in der kleinen Stadt Rožaje umschaut und ein paar Erledigungen macht. Unter anderem wird der neu angepasste und verbesserte GPS-Track in einem Internet-Café auf unsere Navis geladen.

Der Dorfplatz von Rožaje

So geht der Pausentag auch schnell vorbei und Abends kocht Vincent noch auf dem Balkon eine Art Wokpfanne mit den bescheidenen Mitteln, die ein Campingkocher so zulässt. Doch es macht Spaß mal wieder was eigenes zu kochen und es schmeckt auch wirklich nicht schlecht.

Freitag: Heute morgen fühlt sich Leon schon besser, doch wir nehmen uns trotzdem vor, den Tag ruhig anzugehen. Wir packen alle unsere im ganzen Zimmer verstreuten Sachen wieder zusammen, was bei diesem Durcheinander etwas dauert. Dann essen wir als Vorspeise zum Omelette noch beide ein Müsli, da wir gestern noch hungrig vom Frühstückstisch gehen mussten. Beim zweiten Frühstück treffen wir dann auf ein schwedisches Ehepaar, beide über 70 Jahre alt und wir tauschen unsere Geschichten aus. Sie sind seit November mit dem Wohnwagen durch Europa unterwegs und erzählen uns, dass sie mit ihrem Alter nach einem knappen halben Jahr reisen nun erstmal genug hätten und sich auf den Heimweg machen wollen. Uns faszinieren die beiden und wir wünschen uns, in diesem Alter auch noch fit genug zu sein, um so lange und ausgiebig reisen zu können.

Mit vollem Magen bepacken wir unsere Räder und machen uns auf den Weg Richtung Norden. Zunächst verläuft dich Strecke durch sanft hügelige Landschaft, bevor sie von dichtem Nadelwald abgelöst wird. Leon kommentiert die Umgebung: „Hier kann ich mir jetzt wirklich Bären vorstellen, die fühlen sich hier bestimmt wohl“. Doch wir begegnen an diesem Tag keinem der braunen Vierbeiner.

Der Wald, da sind wir uns beide einig, könnte auch irgendwo in Deutschland sein. Doch eine Sache passt nicht ins Bild, es ist der viele Müll, der leider auch hier mitten im friedlichen Wald am Straßenrand seine Endlagerstätte gefunden hat. 

Müllberge wie diesen findet man leider immer wieder mitten im Wald.

Ein einer Kreuzung hält Leon plötzlich an, um auf seinem Navi nach dem richtigen Weg zu schauen. Er scheint ihn gefunden zu haben und fährt den Berg runter ins Tal. So denkt zumindest Vincent, der den kurzen Halt genutzt hat, um seine Actioncam neu zu positionieren. Als er wieder aufschaut ist Leon schon weiter gefahren und Vincent fährt nichts ahnend den Berg runter ins Tal. Er übersieht allerdings eine kleine Abzweigung, in der Leon auf ihn wartet und ihn vorbeifahren sieht. So nimmt Leon eine rasante Verfolgungsjagd auf und nimmt dabei eine Kurve zu scharf. Wums und schon liegt er auf dem staubigen Boden. Er rapelt sich wieder hoch und nimmt sein Rad um weiter zu fahren, doch es geht nicht. Das Vorderrad hat sich bei dem Sturz so stark verbogen, dass alles blockiert. So bleibt ihm nichts anderes übrig, als den Berg auf dem Hinterrad mit voll beladenem Rad runterzuhiefen. Zum Glück kommen ihm kurze Zeit später zwei Einwohner des Dorfes mit dem Auto entgegen, die ihm anbieten seine Taschen abzunehmen. Das Angebot dankend annehmend schiebt Leon die restlichen Meter bis zum Haus der Leute, die seine Taschen mitgenommen haben. Diese haben passenderweise eine Art Autowerkstatt und der Herr des Hauses nimmt sich sogleich Leons kaputtem Vorderrad an.

Ist Leons Vorderrad noch zu retten?

Dies alles erfährt Vincent erst kurze Zeit später, als er den Berg hochschnaufend an dem Hof vorbeikommt. Er war schon bis runter ins Tal gefahren, doch dort hatte ihm ein vorbeifahrender Autofahrer gesagt, sein Kumpel hätte Probleme mit seinem Fahrrad.

So wie es aussieht kann der Mann Leons Laufrad nicht richten und wir beide trauen uns dies ebenfalls nicht zu. Deshalb bietet er Leon an, mit ihm zum nächst größeren Ort mit dem Auto zu fahren um dort einen Fahrradladen aufzusuchen. Dieses Angebot nimmt Leon wegen Alternativlosigkeit sehr gerne an und schon sitzen sie im Auto und machen sich auf den Weg. Vincent bleibt währenddessen bei den Fahrrädern und wird gut versorgt mit Saft, Kaffee und Schokolade. Eine Stunde vergeht und noch eine weitere… schließlich bekommt Vincent eine SMS von Leon, sie seien in einer knappen Stunde wieder zurück. 

Von außen käme man niemals auf die Idee, dass hier drinnen eine Fahrradwerkstatt zu finden ist..

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt Leon samt seines vorderen Laufrads zurück und verkündet fröhlich, er konnte es für 5€ reparieren lassen. Nachdem Leons eifrige Helfer sein Vorderrad wieder eingebaut haben, bekommen wir zum Abschied als Stärkung noch traditionelle Manti aufgetischt, eine Art kleine Blätterteigtaschen.

Nun heißt es nach fast vier Stunden Abschied nehmen von unseren Rettern in der Not, natürlich nicht bevor Kontaktdaten ausgetauscht wurden. Kaum sind wir losgefahren treffen wir auch schon auf einen Mann, der  beim vorbeifahren ein Foto von uns macht. Es stellt sich herraus, dass er Mitglied eines Mountainbike-Clubs ist und sind erstaunt, dass es hier so eine starke Mountainbike Community gibt.

Ein Mountainbiker aus Montenegro unter uns 😀

Auf geht es weiter immer flussabwärts und wir bekommen dank Rückenwind ordentlich Fahrt und sind beschwingt von den faszinierenden schroffen Bergen um uns herum.

Nach einer halben Stunde mit 30er Schnitt werden unsere Beine doch langsam müde und wir machen uns nach einem kurzen Einkauf auf die Suche nach einem geeigneten Campingspot. Bei den vielen Wiesen hier eigentlich gar nicht so schwer, allerdings gehen diese neben der Straße erstmal ziemlich steil hoch… Nach ein paar Kilometern stoppt Vincent plötzlich und zeigt auf die steile Wiese auf der rechten Seite. Leon schaut ihn etwas fragend und kritisch an, doch da ist Vincent schon zu Fuß oben und kundet die Wiese aus. Sie scheint perfekt geeignet und bietet auch noch eine tolle Aussicht auf die gegenübeliegenden Hänge.

Zur Krönung des Tages will Leon noch ein Lagerfeuer machen, wessen Aufbau bei dem doch recht starkem Wind einiges an Geschick und Erfahrung verlangt. Doch es gelingt dem Feuermeister ein wärmendes kleines Lagerfeuer zu entzünden.

Müde und erleichtert, dass bei Leons Sturz nichts schlimmeres passiert ist, fallen wir dann in unsere Schlafsäcke und machen es uns gemütlich.

SamstagNach erholsamem Schlaf im Zelt können wir gut aufstehen. In der Nacht hat es das eine oder andere Mal ein wenig genieselt, doch wir können alle unsere Sachen trocken einpacken. Statt einem Tee machen wir heute Morgen eine heiße Zitrone (in Pulverform), die wir im Kosovo von einem der Gashis geschenkt bekommen haben. Während wir mal wieder ein Müsli mit viel Obst zu uns nehmen, treibt uns ein Regenschauer dazu, alle übrigen Habseligkeiten schnell zusammenzupacken, jedoch geht der schnell vorbei.

Gestern hat Leon bemerkt, dass der Mantel seines Vorderrades gegen die Laufrichtung aufgezogen worden ist. Um wieder maximalen Halt auf der Straße zu haben, muss das natürlich korregiert werden.

Trotzdem kommen wir recht früh los und starten die heutige Etappe – es ist Regen angekündigt, welcher auch nicht lange auf sich warten lässt… zum Glück nur wenig und in kurzen Schauern. Da Montenegro nicht besonders dicht besiedelt ist (ca. 46 Einwohner pro qkm), müssen wir gut darauf achten, dass wir genug einkaufen. In den kleineren Orten ist das Angebot der oft kioskartigen Läden nicht besonders groß, weshalb unsere ständige Notration Nudeln mit Pesto auf keinen Fall fehlen darf. Meistens ist jedoch ein Ort an unserer Strecke gelegen, der einen größeren Supermarkt aufweisen kann. Hoch im Kurs sind momentan auch noch Taschentücher. Es geht uns beiden zwar wieder ganz gut, doch die Nasen laufen munter weiter.

Nachdem wir den Vormittag ziemlich ereignislos geradelt sind, kommen wir in die Nähe des Durmitor-Nationalparks. Der Track auf unserem GPS-Gerät zeigt uns eine vermeintliche Abkürzung an, die uns von der asphaltierten Straße wegführt. Der Track war bisher sehr zuverlässig, weshalb wir den Weg in ein Tal einschlagen. An dieser Stelle werden wir zum ersten Mal auf der gesamten Tour so richtig in die Irre geführt.

Kurz vorm Nationalpark… links verläuft die Straße und rechts (nicht zu sehen) unser Weg steil ins Tal hinunter.

Zunächst asphaltiert geht der Weg in Schotter und schließlich in Wiese über. Einem schwach erkennbarem Trampelpfad folgen wir bis zu einem Fluss, der mit ordentlich Strömung aus den Bergen runterrauscht. Laut Route sollen wir darüber kommen, jedoch ist nirgends eine Brücke oder Furt oder ähnliches in Sicht. Ratlos fahren wir ein Stück hin und her, bis wir uns schließlich dazu entscheiden, zur Straße zurückzufahren.. Dumm gelaufen! Ungefähr eine Stunde haben wir jetzt verloren und obendrein hat sich der Niesel in einen kontinuierlich strömenden Regen verwandelt. Da legen wir gerne erstmal eine Mittagspause ein!

Endstation: Der Fluss ist zwar schön anzusehen, doch stellt er ein unüberwindbares Hindernis dar. Unschuldig und so klar, sodass wir überall bis auf den Grund schauen können, rauscht er vor uns entlang.

Ein leer stehendes Haus mit überdachtem Eingangsbereich – im Regen der perfekte Ort für unsere Pause.

Gestärkt, jedoch immernoch im Regen (der hört den restlichen Tag nicht auf und wird auch nicht weniger) radeln wir an noch mehr Wasser entlang. Der Track, auf den wir nach kurzer Zeit wieder stoßen, wollte uns eine Art Klettersteig hinauf führen. Völlig irrsinnig mit 50 Kilo Gepäck.. da sind wir dann doch froh, nicht über den Fluss gekommen zu sein.

Unsere Weggefährtin für die nächsten 50 Kilometer heißt Tara und sie ist wirklich eine Augenweide ;D Wie im Mavrovo-Nationalpark in Mazedonien führt auch hier eine kurvige Straße durch einen Canyon, wobei dieser hier noch um einiges schöner und gewaltiger ist – das Beste: so gut wie kein Müll am Straßenrand!

Immer wieder wird zu Recht vor Geröll auf der Straße gewarnt.

An vielen Stellen sind Tunnel direkt in den Fels gehauen. Ein willkommener Ort, um das GPS so trocken zu bekommen, dass wir unsere weitere Route nachschauen können.

In der Ferne sind die großen Bögen einer Eisenbahnbrücke zu sehen, wie wir zunächst glauben.. Es handelt sich jedoch um eine Autobrücke. Sie überspannt das Tara-Tal, in dem der Fluss immer größer wird. Hier werden auch Rafting-Touren angeboten, was wir beide sehr reizvoll finden!

So schön Tara auch ist, müssen wir leider hinauf in die Berge. Und was für welche! Wir beginnen heute den Anstieg zum höchsten Pass der gesamten Fahrradtour. In Serpentinen verabschieden wir uns vom Tal und schrauben uns langsam aber sicher in die Höhe. Ein zäher Anstieg ist das, denn durchgeweicht vom Regen macht sich schon bemerkbar, dass die Erkältung noch nicht komplett verschwunden ist. Insgesamt war heute einer dieser Zwiebeltage, an denen man zig Jacken übereinander zieht und davon ständig etwas an- oder auszieht.

Ausgelaugt und ausgekühlt erreichen wir unser Tagesziel. Zabljak ist ein mit Hotels, Chalets und Ferienhäusern gepflasterter Ort mitten in den Bergen. Eines der Skigebiete Montenegros ist hier angelegt, weswegen mal wieder alles sehr touristisch angehaucht ist. Momentan liegt jedoch kaum Schnee und dementsprechend sind auch keine Urlauber hier. Wir finden problemlos ein günstiges Zimmer – es ist eher eine Ferienwohnung mit eigener Küche. Perfekt um alle nassen Sachen zu trocknen! 

Zum Abschluss des Tages gönnen wir uns ein Abendessen im Hotelrestaurant. Endlich sind wir wieder trocken, aufgewärmt, satt und zufrieden.

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