Glückspilze hoch 10 #Tag 52 und 53

Montag: Die Mückenschwärme haben sich am Morgen zum Glück fürs erste verzogen, sodass nur das Summen von Bienen und das knarren der Bäume zu hören ist. Vincent macht der Heuschnupfen in der hohen Wiese deutlich mehr zu schaffen als sonst, sodass er froh ist von hier wegzukommen. Trotzdem genießen wir die Morgensonne, die ihren Weg durch die Bäume findet – wir fahren in ähnlich bewaldeter Landschaft wie gestern.

Nach den ersten Kilometern halten wir in einem kleinen Ort, der nur aus ein paar Häusern besteht. Dennoch hat er eine Kirche, einen Bahnhof und ein kleines Lebensmittelgeschäft. Selbst eine Dorfkneipe finden wir, wo herrlich einladende Bänke vor stehen. Wir haben zwar ein großes Brot, doch Vincent lässt es sich nicht nehmen, ‚morning oats‘ zu machen. Leon ist den Luxus einer überdachten Bank nicht gewöhnt. Als er aufsteht, um Zucker hervorzukramen, stößt er sich ziemlich schlimm den Kopf und kann sich einen ordentlichen Fluch nicht verkneifen, doch es scheint nichts weiter passiert zu sein.

Vincent verbessert jedes Mal das Morning-Oats-Rezept…

Da wir auf sehr fahrradfreundlichen Wegen unterwegs sind und die Beule am Kopf doch noch weh tut, entscheidet Leon heute zum ersten Mal auf der Tour ohne den Helm zu fahren. Wie immer hätte es deutlich schlimmer sein können… 😉

Die Wald- und Wiesenlandschaft wird um eineige schöne Seen und Tümpel ergänzt, die immer wieder links und rechts von uns wie aus dem nichts auftauchen. Leider sind sie allesamt zu flach oder der Einstieg ist doch arg schlammig, sodass wir nur eine Abkühlung für die Füße bekommen. 

Vincent tastet sich langsam in den See vor.

Entlang der Lainsitz fahren wir auf einem guten Radweg entlang. Wir empfinden es als sehr angenehm, dass nicht alles von Orten zugepflastert ist und man die schöne Natur ungestört auskosten kann. Dennoch ist ab und an ein Lebenszeichen von Zivilisation nicht schlecht, da es die Sorge um eine Möglichkeit zum einkaufen besänftigt (dank GPS wissen wir natürlich auch so, dass größere Orte in der Nähe sind, doch tut es gut, nicht ständig darauf zu schauen). 

Die heutige Etappe ist deutlich flacher als am Vortag, sodass wir deutlich besser vorankommen – so war das auch grob eingeplant. Nach knapp 60 Kilometern kommen wir nach Veselí nad Lužnici. An der Lainsitz gelegen (wie der Name schon sagt), ist es hier ganz gut auszuhalten. Perfekt für eine Mittagspause. Nach einem Stop beim Bäcker setzen wir uns in den Schatten eines Baumes auf eine Bank.

Nachdem wir schon gut gegessen haben, setzen wir uns in ein Café, heute stecken wir uns allerdings mal ein Zeitlimit, um die vorgenommene Strecke zu schaffen, denn keiner von uns hat Lust, morgen eine Monsteretappe zu fahren.

Den Bordcomputer ausgepackt schreibt es sich gleich schneller.

Gegen vier fahren wir also weiter und kommen wieder in den Wald. Diesmal nur mit dem Unterschied, dass sehr unregelmäßig gelegte Betonplatten den Weg bilden. Wir holpern deshalb etwas langsamer weiter. Nach kurzer Zeit muss Leon jedoch anhalten. Seine hintere Radtasche hat sich gelöst. Als er sie wieder einhängen möchte, stellt er fest, dass sich eine Schraube gelockert hat und irgendwo auf dem zurückliegenden Weg liegen muss. Provisorisch löst er eine der mittleren Schrauben der Tasche und steckt sie ans äußere Ende der Halterung, die dort deutlich mehr Belastung ausgesetzt ist.

Das erste Mal werden wir von Ortlieb enttäuscht…

Etwas vorsichtiger geht es weiter (was kaum möglich ist) und wir fahren in Richtung der nächsten größeren Stadt. Um nach Tabor hineinzufahren, müssen wir einen ordentlichen Hügel hinauf. In einem Supermarkt findet Leon alles für ein gutes Abendessen, sodass wir noch entspannt ein kleines Stück weiter fahren.

Die Gopro in action… bewegte Bilder gibt es bei unserer Ankunft in Kassel zu sehen.

Ein paar Orte weiter entdecken wir eine perfekte Wiese, die allerdings direkt an einem Dorf liegt. Ein Mann, der in seinem Garten am werkeln ist, erlaubt uns dort zu Campen (zumindest hat er nichts dagegen). Also wird das Zelt aufgeschlagen und die Schlafsäcke zum Lüften aufgehangen. Vincent widmet sich den verbogenen Heringen, die dem harten Boden nicht standgehalten haben. An einem alten Anhänger ist die perfekte Stelle dafür. Unterdessen kocht Leon ein leckeres Essen – es gibt Reis mit einer Erdnuss-Curry-Soße, verfeinert mit etwas Frischkäse. Vincent stellt etwas belustigt fest, dass wir heute zu jeder Mahlzeit Frischkäse gegessen haben, der ist tatsächlich universell einsetzbar. 😀 

Die Vielseitigkeit einer Actioncam wollen wir nicht missen..

Ein kleines Highlight sind die unschlagbaren Dinkeldoppelkekse, die wir zum Nachtisch verspeisen. Der Abend klingt lesend aus, bis wir irgendwann ins Zelt kriechen.
Dienstag: Geweckt werden wir von irgendeinem Hund, der aufgeregt um unser Zelt tigert (oder eben hundet). Doch wir haben Glück und er sieht die hauchdünne Zeltwand als zu großes Hindernis oder er ist einfach zu wenig neugierig was sich dahinter wohl verbergen könnte. Wenig später begrüßen wir die Morgensonne und packen unser Zelt ein. Wir sind uns einig, dass wir mal wieder einen genialen Campingspot gefunden haben. Super Aussicht, Sitzgelegenheit auf ein paar herumliegenden Holzbrettern und obendrein noch ein abgestellter Traktoranhänger, den Vincent als Zeltheringe-Biegevorrichtung genutzt hat, besser geht es kaum!

Schon nach ein paar Kilometern werden wir in einem kleinen Ort im dortigen Supermarkt fündig und besorgen die noch nötigen Frühstückszutaten. Auch heute versucht sich Vincent mal wieder mit Morning-Oats auf dem Campingkocher (eine traditionelle Mahlzeit aus Südafrika, bestehend aus Haferflocken & Wasser), welches erstaunlich gut klappt.

Schon wieder Morning Oats, wir können kaum genug kriegen von diesem köstlichen Schleim.

Gut gesättigt geht es auf die Straße, die uns abwechselnd an Feldern (vor allem Rapsfelder) und durch Wald führt. So wird es nie langweilig, denn die leicht hügelige Landschaft hat viel Abwechslung zu bieten.

Kurz vorm Mittag kommen uns zwei Frauen auf dem Rad entgegen, sie sprechen auch deutsch. Eine der beiden ist in Lüneburg gestartet und ist in Richtung Rumänien unterwegs. Ihre Freundin begleitet sie von Prag bis Wien, so fahren sie leider auch wieder in die entgegengesetzte Richtung von uns. Doch sie haben einen goldenen Tipp für uns, denn sie haben in Prag das Vergnügen gehabt einen warmshowers host gefunden zu haben. So bekommen wir die Nummer von Kamil und machen uns jedoch keine große Hoffnungen so kurzfristig über Telefon eine Zusage zu bekommen. Gleich nachdem wir uns von den beiden Radlerinnen verabschiedet haben ergreift Vincent die Initiative und ruft bei Kamil an. Als er kurz darauf wieder auflegt ist er völlig aus dem Häuschen, wir haben eine Zusage für zwei Nächte in Prag bekommen! So viel Glück, da schämen wir uns schon fast für. Wir hatten uns schon auf ein Hostel in Prag eingestellt und können es noch kaum fassen einmal wieder so kurzfristig noch etwas gefunden zu haben.

Mit so viel Glücksgefühl im Bauch radelt es sich die nächsten 15 km bis zu Mittagspause wie von selbst, obwohl es inzwischen schon fast unerträglich heiß geworden ist. Wir finden zum Glück noch eine halbwegs schattige Bank, wo wir unsere Brotzeit (zum Glück wieder einmal gehaltvolles Graubrot!) genießen.

Noch sind wir Schattenparker.

Um die Pause noch ein wenig zu verlängern, setzen wir uns noch in den überdachten Außenbereich einer Bar und schreiben mal wieder am Blog. Als wir rein gehen zum bestellen, finden wir eine Stammtischrunde vor, welche um diese Uhrzeit schon gut dabei ist.

In der Sonne ist es nicht mehr auszuhalten. Ganze 50°C zeigt der Tacho an…
Leon verschläft den größten Teil der Pause, er ist nicht für die heißen Temperaturen gemacht.

Es heizt sich immer weiter auf und nach einer guten Stunde bemerken wir mit Freude das sich nähernde Gewitter. Wir packen schnell unsere Sachen und fahren weiter, denn den herrliche Sommerregen wollen wir uns nicht entgehen lassen. Doch anscheinend will uns der Wettergott noch keine erfrischende Dusche gönnen, denn das Gewitter zieht einen Bogen um uns. Dort wo wir einige Kilometer später vorbei fahren ist die Straße nass, doch wir sind nur nass vom schwitzen. Zum Glück stoßen wir kurz darauf auf einen kleinen Fluss, der einige Kilometer später in die Moldau mündet. So heißt es ab in die Badehose in nichts wie rein ins kühle Nass.

Zwar ist das Wasser so flach, dass man fast überall stehen kann, aber die Abkühlung tut trotzdem sehr gut!

Natürlich fängt gerade an zu regnen, als wir überglücklich im Wasser schwimmen und alle Taschen mit unserer Kleidung am Ufer offen sind. So starten wir einen kurzen Sprint aus dem Wasser und retten, was zu retten ist. Das ist zum Glück das meiste, denn der kurze Schauer wartet netterweise noch kurz mit seinem Höhepunkt.

Als wir uns weiter machen ist es schon kurz vor sechs und so ist ordentlich strampeln angesagt. Denn die heutige Nacht verbringen wir in einem kleinen Vorort von Prag bei einer Familie, die uns noch sehr begeistern wird. Doch zunächst müssen wir noch ein paar Höhenmeter von der Moldau aus ins Hinterland empor klettern. Plötzlich gewittert es wieder und wenig später schüttet es, wie aus Eimern. In null Komma nix sind wir klitschnass, doch das ist unglaublich angenehm, denn es hat immer noch 25°C.

Wir kommen uns vor wie im Regenwald! Die Straßen dampfen, es schüttet ohne Unterlass und trotzdem ist es superwarm….

Der Regen ist kurz aber dafür umso kraftvoller. Oben auf dem Hügel angekommen fahren wir aus der Regenfront heraus in das Licht der Abendsonne, ein wahnsinnige Wolkenformation bietet sich vor uns dar. Und als wir uns umdrehen können wir einen prachtvollen Regenbogen bestaunen, was für ein Naturspektakel!

Da fehlen selbst uns die Worte…

Schon jetzt sind wir absolut überwältig von diesem außerordentlichem Tag, doch er ist noch nicht zu Ende. Denn als wir bei unserer warmshowers Familie ankommen, stellen wir fest, dass wir es mit wahren Berühmtheiten zu tun haben. Monika und Jirka haben aus ihrer Leidenschaft zum Reisen (vor allem mit dem Fahrrad) einen Nebenjob gemacht, denn sie schreiben ganze Bücher und Berichte für große Zeitschriften. Und damit noch nicht genug, seit Anfang des Jahres haben sie einen bisher in Tschechien einzigartigen Onlineshop für Outdoor-Equipment, welche sie alle selbst erfolgreich auf ihren Reisen getestet haben. Für alle Interessierten: http://www.kilometry.cz (leider beschränkt sich die Auslieferung der Waren bisher auf das tschechische Staatsgebiet).

Enjoy!

Nach einer Dusche kochen wir das vermutlich beste Gourmetessen unserer Reise (als allzeit hungriger Radfahrer denkt man das bei fast jeder Mahlzeit) und setzen uns noch zu Monika & Jirka. Wir tauschen noch viele spannende Geschichten aus, wobei die beiden aufgrund ihrer Reiselebens deutlich mehr zu erzählen haben. Nicht zuletzt erfahren wir, dass sie seit einigen Jahren nun mit ihren kleinen Kindern im Anhänger Fahrradtouren machen, u.a jeweils 3 Monate in Australien und Neuseeland. Schließlich gehen wir völlig fasziniert von den beiden Reiseverrückten und hundemüde in unserem luxuriösen eigenen Zimmer gegen Mittarnacht schlafen.

Ein Gedanke zu “Glückspilze hoch 10 #Tag 52 und 53

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s