Von Ruinen und kaputten Ketten #Tag 44 und 45

Man kann planen so viel man will, am Ende kommt es doch ganz anders… da wir unverschämte Glückspilze sind, können uns ungeplante Hindernisse jedoch nichts anhaben. Doch hier erstmal alles von Anfang an…


Sonntag
: Der Regen vom Abend hat nicht angehalten, doch seine Spuren hat er trotzdem auf dem Zelt hinterlassen: Es ist nass (zur Abwechslung). Gestern haben wir schon Obst und Joghurt für einen morgendlichen Fruchtcocktail gekauft (zwar hat der Laden auch heute auf, doch an einem Sonntag in einem neuen Land kann man nie wissen..). Während wir frühstücken, lassen wir das Zelt trocknen. Vincent scheint heute mit dem falschen Fuß aufgestanden zu sein, denn er ist ein Meister im Dinge umschmeißen. Zuerst reißt die fast volle Müslitüte von oben bis unten auf, woraufhin sich Trockenobst und Haferflocken auf die Wiese und in die weit geöffnete Fahrradtasche ergießen. Zu allem Überfluss lehnt er sich dann gegen sein unsicher stehendes Fahrrad, sodass das Vorderrad umschwenkt und einen großen Teil des frisch aufgebrühten Tees verschüttet. Zum Glück geht der Morgen dann auch vorbei und ehe wir’s uns versehen sitzen wir auf den Rädern und strampeln gegen den Wind an.

Die Schlafsäcke zum Auslüften über die Räder ausgebreitet packen wor das Frühstück aus.

Nach kurzer Zeit fahren wir erneut auf den Deich hinauf, welcher erst asphaltiert ist, doch bald in Schotter über geht. Mühsam und gegen den anhaltenden Gegenwind radelnd ist dieses Stück sehr kräftezehrend. Immer wieder wird der Kies tiefer, was ein gemütliches Fahren bei einer konstanten Geschwindigkeit unmöglich macht.

Noch ist alles perfekt! Keine Autos oder Mofas erlaubt auf dem Deich, der bestens asphaltiert ist.

Ein Aussichtsturm gefördert durch die EU.. schlappe 800.000 Euro hat das gute Stück gekostet. Für eine nicht außergewöhnliche Aussicht etwas zu viel, wie wir finden. Da haben wir an anderer Stelle schon deutlich sinnvollere Investitionen gesehen.

Pure Begeisterung auf Leons Gesicht…

Obwohl wir langsamer voran kommen als sonst, erreichen wir gegen Mittag den Ort Komárno. Auf der Suche nach einer sonnigen Bank für eine Pause, kommen wir an eine kunstvoll verzierte Kirche, aus der unter großem hallo eine Menge Kommunionskinder und deren Familien strömen. Unter einigem Trubel setzen wir uns direkt daneben hin und beobachten, wie viele Fotos gemacht werden und sich die Menge nach und nach zerstreut. 

Nach einem Blick in die Kirche verlagern wir unseren Standort. Von jetzt auf gleich sind die Straßen wie ausgestorben und wir gönnen uns jeder ein großes Eis und das Wifi der Eisdiele, sodass alle Bilder im Blog hochladen und in die weite Welt gesendet werden (es ist sehr erstaunlich, in wie vielen Ländern unser Blog schon angeklickt wurde! To translate on your mobile, scroll down the whole page and select your language – you will get the best result in english 😉 )

Für unsere Verhältnisse sehr spät, begeben wir uns erneut aufs Rad, um noch ein paar Kilometer zu fahren und einen geeigneten Schlafplatz zu finden. Das Zelt in dieser Gegend aufzuschlagen wird nicht einfach werden, denn mal wieder ist jeder Qudratzentimeter bewirtschaftet und nirgends lässt sich ein brach liegendes Feld entdecken. Nachdem wir gegen sieben Uhr noch immer keinen Spot haben ausfindig machen können, sind wir kurz davor an einer Haustür zu klingeln. Kurz halten wir an der Straße gegenüber einer Einfahrt an, um uns zu beraten. Ein Auto, deren Fahrerin offenbar keinen Rückspiegel kennt, fährt rückwärts aus der Einfahrt und setzt so weit zurück, dass Vincent beinahe umgestoßen wird. Das war knapp! Scheinbar ohne etwas bemerkt zu haben, braust das Auto davon. Uns fehlen beiden für einen Augenblick erstmal die Worte…

Ein paar Meter weiter (an dem Haus haben wir nicht mehr geklingelt), fällt uns ein leer stehendes Haus auf, was anscheinend nie fertig gestellt worden ist. Wir sagen herzlichst danke und ziehen für diese Nacht dort ein! Während die Spaghetti vor sich hin kochen, schauen wir in einen sehr schönen Sonnenuntergang hinein.

Der perfekte Schlafplatz! Bauruinen sind wirklich praktisch und abenteuerlich… an sich wünscht man sich dann aber doch weniger davon…
Der traumhafte Blick aus unserem Fenster.

Uns beiden ist noch nicht nach schlafen zumute, weshalb wir nach langer Zeit beide unser Buch aufschlagen. Was für ein Genuss! Irgendwann fallen dann aber doch die Augen zu…

Montag: Vincent macht die Augen auf und kann sich für kurze Zeit nicht mehr an alles erinnern. Wo bin ich? Was mache ich in dieser leer stehenden Bauruine? Doch schnell fällt es ihm wieder ein, wie sie gestern Abend in dieses sehr großzügige, nie fertig gebaute Haus vorübergehend eingezogen sind. Als Vincent von der Naturtoilette zurück kehrt, räkelt sich Leon gerade gähnend und würde am liebsten noch eine Weile liegen bleiben. Doch der täglich gewohnte Rythmus lässt ihn schon bald aus seinem warmen Schlafsack kriechen. Da wir das Zelt nicht abbauen müssen, haben wir alles schnell wieder abfahrbereit verstaut und verlassen unsere zweite Bauruine der Tour fast schon ein wenig wehmütig.

Leon manövriert sein Fahrrad aus dem kleinen Nebenzimmer, unserem Schlafzimmer diese Nacht.
Actionreiche Abfahrt vor der verlassenen Villa.

Bereits gestern Abend haben wir auf unseren Navis leider feststellen müssen, dass der nächst größere Ort wo wir einen Supermarkt vermuten gut 20 km entfernt liegt. So stellen wir uns auf eine Stunde Fahrt ein, die wir mit Energieriegeln zu überstehen hoffen. Doch es kommt glücklicherweise ganz anders als gedacht, denn in dem Ort wo unsere Ruine steht gibt es tatsächlich einen kleinen Supermarkt, eher eingerichtet wie ein Tante Emma Laden. Aber immerhin! Mangels Auswahl gibt es heute Brotzeit zum Frühstück, eine willkommene Abwechslung. 

Neben dem Supermarkt steht sogar eine Bank mit Tisch, was für ein Luxus!

Nach dieser ersten Stärkung starten wir gut gelaunt in den Tag, es hat schließlich mal wieder bestes Wetter. Der Track führt uns schnell wieder auf den Deich, von wo wir aber noch nicht die Donau erblicken können. Nach der kräftezehrenden Tortour auf dem Kiesweg gestern probiert Leon heute mal den Weg unterhalb des Deiches aus, während Vincent zum Vergleich oben bleibt. Doch heute scheinen beide Wege deutlich weniger schlimm, vielleicht haben wir auch einfach mehr Energie am Morgen.

Teilweise ist der Mittelstreifen des Fahrradweges dicht bewachsen mit kniehohem Gras.

Wie schon die letzte beiden Tage fahren wir weiterhin entlang der Donau auf dem Europaradweg 6, der vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer führt. Die Franzosen, welche wir vor zwei Tagen getroffen haben, fahren fast den kompletten über 3000 km langen Radweg entlang. Doch das Wort Europaradweg lässt die hohen Erwartungen an einen Premium Fahrradweg doch zu Weilen etwas enttäuscht, hier besteht auf Teilstrecken noch einiges an Nachholbedarf.

Die Ausschilderung des Europaradweges 6 hat streckenweise noch Nachholbedarf.

Die Schotterpiste wird wenig später erst durch Betonplatten und dann durch asphaltierte Straße abgelöst. Wo wir uns zum einen sehr über die Verbesserung des Untergrundes freuen, ist es zum anderen auch ein Nachteil. Denn die Straße auf dem Deich ist deshalb asphaltiert, da die Donau die nächsten 30 km in einem Kanal fließt. Was zu Beginn noch ein wenig interessant klingt, wird spätenstens nach 5 km schnur geradeaus etwas öde. Vincent kommentiert, „Ich freue mich jetzt schon so sehr auf die kleinen Berge hinter Wien“.

Ein gigantischer Kanal von Menschenhand geschaffen, doch einen natürlichen Flusslauf ziehen wir doch deutlich vor zum entlang fahren!

Nach gut anderthalb Stunden Fahrzeit kommen wir an einer gigantischen Schleuse vorbei, die Schiffe 34 Meter je nach Wunsch bergauf oder bergab befördert. Wir lassen uns dieses Spektakel nicht entgehen und schauen faszinierd zu wie zwei Frachtschiffe und ein Kreutfahrtschiff zugleich nach oben gepumpt werden. Wirklich verrückt, was sich der Mensch so alles einfallen lässt.

Noch ist die Schleuse offen und der Wasserpegel ganz unten.
Eine gute Viertelstunde und unendlich viele Liter Wasser später sind die drei Schiffe 34 m höher.

Weiter geht die Strecke auf dem Deich eine noch langweiligere nicht enden wollende geteerte Straße geradeaus, zum Glück bleibt uns heute jeglicher Gegenwind erspart. Wir unterhalten uns über Peter Lustig und diverse andere Kindheitserinnerungen, so geht die Zeit auf langweiligen Passagen erfahrungsgemäß deutlich schneller vorbei. Wir können schon mindestens 15 km vor unserem Mittagsstop unseren angepeilten Ort in der Ferne ausmachen, so können wir ihn kaum verpassen.

Angekommen in Šamorin decken wir uns zuerst beim Supermarkt sowie beim Bäcker mit allem Nötigen ein. Durch Zufall entdeckt Vincent direkt neben der Bäckerei einen geöffneten Buchladen, wo er die Chance nutzt und schnell sein Glück versucht. Und siehe da, die Verkäuferin spricht bestes Englisch und kennt obendrein das Buch. Besser geht es kaum!

Unser 11. Eintrag im Tagebuch von Anne Frank 😀

Nach dieser äußert produktiven Tat setzen wir uns erstmal zur Ruhe und genießen die erworbenen Leckereien auf einer Bank in der strahlenden Sonne. Dort wird es uns schon fast du warm, der Tacho von Vincent zeigt 40°C in der Sonne an. So verlegen wir unseren Platz nach dem Essen auf eine schattige Bank, um entspannt zu verdauen.

Erstmal den Magen voll schlagen in der prallen Sonne.

Leon holt sein Buch heraus, während Vincent auf die glorreiche Idee kommt dem Antrieb des Fahrrads nach über 3000 km mal etwas Liebe zuzuwenden. So wird das Hinterrad ausgebaut, Ritzel abgezogen und die nur so vor Schmutz triefende Kette so gut es geht gesäubert. Mit den beschränkten Utensilien, die man so auf einer Fahrradtour dabei hat dauert das ganze ziemlich lange und vor allem auch weil es das erste Mal ist, das die Kette einen Lappen sieht. Leon hat sich mittlerweile auch seinem Rad zugewandt und versucht auch seinem Antrieb etwas zu schmeicheln.

Wir nutzen eine Bank und die dahinterliegende Wiese für mehrere Stunde als Open-Air Fahrradwerkstatt.
Blitzblank sauber und wieder wie neu.

Da sich die Kette während der letzen sechs Wochen so stark gelängt hat, dass man sie anhand des exzentrischen Tretlagers nicht mehr nachspannen kann, versucht Vincent seine Kette um eine Glied zu kürzen. Doch wie kann es nicht anders sein, nun ist die Kette ein klein wenig zu kurz und sitzt so stramm, dass man das Hinterrad nicht mehr bewegen kann. So ein Mist! Jetzt hilft nur noch eins, eine neue Kette. Genau in diesem Moment kommt zufällig ein Vater mit seiner Tochter auf dem Rad vorbei und fragt, ob wir Hilfe bräuchten. Vincent fragt ihn, wo er einen Fahrradladen finden könnte um eine neue Kette zu kaufen. Der nette Herr erklärt es ihm und besteht darauf, Vincent dorthin zu begleiten. Wenig später kommt Vincent erleichtert mit einer brandneuen Kette zurück. Leon hat in der Zwischenzeit vergebens versucht, seine Kette mit dem bereits etwas verbogenen Kettenschloss wieder als Ganzes zu vereinen, doch sie will nicht so wie er will. Resultat nach 15 Minuten weiterem gefrimel und blank liegenden Nerven, geht Leon ebenfalls zum Radladen, um sich eine neue Kette zu besorgen.

Viele Nerven und Lappen hat es gekostet, doch nun ist der Antrieb wieder bestens in Schuss für die restlichen 1000 Kilometer.

Nach bestimmt 3 Stunden Bikeservice ist das etwas niederschmetternde Ergebnis, dass wir unsere alten Ketten erst gar nicht hätten zu säubern anfangen müssen. Denn irgendwann ist jedes Verschleissteil mal an der Reihe ausgetauscht zu werden. Aber so lernt man eben aus Fehlern…. Eigentlich wollten wir heute noch bis Bratislava kommen, doch da es inzwischen schon sechs Uhr ist und dies noch über 20 km sind (geschweige denn davon, dass wir dort noch keine Unterkunft haben) entscheiden wir uns kurzfristig um und kaufen für ein Abendessen im Freien ein. Wenige Meter hinter dem Ort nehmen wir den erstbesten Feldweg und siehe da, wir finden hier einen super Campingspot!

Heute ist Vincent der Koch.

Heute ist Vincent mal dran mit kochen und währenddessen rammt Leon die Heringe mithilfe von Steinen in den harten ausgetrockneten Boden. Auf dem heutigen Speiseplan steht Couscous mit einer Auberginen-Frühlingszwiebeln-Möhren-Paprika Pfanne. Sehr lecker! Und zum Nachtisch verputzen wir noch eine Rolle extrem süchtig machende Doppelkekse. Geplättet von diesem sonnigen und etwas nervenstrapazierendem Tag sinken wir unter klarem Sternenhimmel begleitet vom Zirpen der Grillen sanft in den Schlaf.

Schon der zweite Abend in Folge mit einem malerischen Sonnenuntergang.

Ein Gedanke zu “Von Ruinen und kaputten Ketten #Tag 44 und 45

  1. Daniel

    … bezüglich eures Ketten-Boxenstopps fällt mir „Never change a running system“ ein 😉
    Hätte zu gerne das Gesicht von dem Fahrradhändler gesehen als der 2. von euch mit dem exakt gleichen Produktwunsch bei ihm reinkam :-7
    Sonnige Grüße & ein herzliches ride on an die Donau
    Daniel

    Gefällt 1 Person

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